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ADS - Hyperaktivität

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Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und Hyperaktivität. Was ist das ?

Die Entwicklung des Gewissens bei Kindern mit ADHS

Wie kann man Kindern mit ADS/H richtig unterstützen?

Unterschiedliche Sichtweisen auf ADS/ Hyperaktivität in der Erziehungsberatung

Was denken Ärzte, Lehrer und Eltern über ADHS ?

Leben mit hyperaktiven Kindern aus: Zeitschrift der LAG Erziehungsberatung

Warum eine Website für Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität? - Unsere Ziele –

Die Not der kleinen Nervensägen Stern 1/02

Es gibt Grund zur Sorgfalt, aber keinen Grund zur Sorge
GEORG-AUGUST-UNIVERSITÄT GÖTTINGEN

Gemeinsames Positionspapier der Landesärztekammer BW und des BV-AH zu ADHS

AD/HD und Persönlichkeit

Was ist eine multimodale Therapie?

Woran erkennt man ADS ?

Der Kasten ”Symptomatik der ADHS” verdeutlicht die typischen Eigenschaften. Die Entwicklungsgeschichte in verschiedenen Altersstufen sieht bei ADS'lern ungefähr so aus:

Es beginnt oft schon im Baby- und Kleinkindalter. Unruhig sind sie manchmal bereits im Mutterleib, danach Schreikinder, Speikinder. Hohe Experimentier- und Erkundungsfreude bei geringem Gefahrenbewusstsein führen häufig zu Unfällen, die gottlob meist glimpflich ausgehen. Die Mutter muss ihr Kind ständig im Auge behalten und auf dem Sprung sein um es vor Unfällen zu schützen.

Im Kindergarten- und Vorschulalter wird erkennbar, dass sie schwer in Gruppen integrierbar sind, eine geringe Frustrationstoleranz macht z.B. Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielen oft unmöglich. Sie stehen gern im Mittelpunkt, sind immer auf Achse und können nur schwer bei einer Sache bleiben: Jetzt Lego spielen, in der nächsten Minute Holzeisenbahn, danach zum Zeichenblock und dann wird die Bauklötzchen-Kiste ausgekippt .... . Entsprechend sieht das Kinderzimmer aus! Aufräumen können sie aber trotz gutem Willen nicht: Kaum haben Sie begonnen, kommt irgend etwas in ihre Hände, das sie ablenkt und das Zimmer sieht auch nach Stunden nicht besser aus. Durch ihre ungestümen Bewegungen und ihre Sprunghaftigkeit, fühlen andere Kinder sich häufig geängstigt. Sie möchten nicht mit dem ADS-Kind spielen, es gerät in eine Außenseiterrolle.

"Im Kindergarten baute ich viel Mist. Ich habe Spiele ausgepackt, fünf Minuten damit gespielt und dann etwas neues ausgeräumt. Die alten Spiele habe ich einfach liegengelassen anstatt sie ordentlich wegzuräumen. Dadurch habe ich natürlich ein totales Chaos verursacht. Meistens waren meine Erzieherinnen ganz schön wütend auf mich." (Felix3)

Im Schulalter geraten sie oft in eine Außenseiterposition, sind Störenfried oder Klassenkasper. Die Disziplin, die im Klassenzimmer nun von ihnen verlangt wird, stellt für sie eine unlösbare Aufgabe dar. Gedanken, die ihnen durch den Kopf schießen, müssen sie sofort in die Klasse rufen und können nicht warten, bis der Lehrer sie drannimmt, nachdem sie sich gemeldet haben. Ihr übersteigerter Gerechtigkeitssinn und ihre unberechenbare Impulsivität ist oft genug Anlass oder Verstärker bei verbalen und manchmal auch handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Sie können sich auch mit größter Anstrengung nur wenige Minuten auf den Unterrichtsstoff konzentrieren. Je nach Ausprägung des Krankheitsbildes verfallen sie danach in Tagträume, gucken Löcher in die Luft, kritzeln in ihrem Heft herum oder werden zappelig, kippeln mit ihrem Stuhl, laufen im Klassenzimmer herum oder necken Mitschüler. Jedes Geräusch lenkt sie ab, denn sie können bedingt durch ihre Reizfilterschwäche Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden.

"In der Schule bin ich aufgestanden und herumgelaufen. Das hat meine Lehrer total genervt, denn eigentlich soll man ja auf seinem Platz sitzen und zuhören. Ich habe auch dauernd mit meinen Stiften oder so was herumgespielt und mit dem Stuhl gekippelt. Dadurch ist mir häufig was runtergefallen. Manchmal bin ich auch mit dem Stuhl umgekippt. Da ich auch andauernd mit meinen Nachbarn geschwätzt habe, haben meine Lehrer nur noch geschimpft. ...Durch die Zappelei hatte ich eine Menge Ärger." (Felix3 )

Ihr ‘hüpfender’, oberflächlich abtastender Wahrnehmungsstil macht es ihnen schwer, Unterrichtsinhalte systematisch zu erfassen und sich zielorientiert auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Hausaufgaben sind ein Drama für diese Kinder. Es beginnt mit dem Schreiben, das ihnen schwer fällt. Verkrampft liegt der Füller in der Hand und wird mit hohem Druck über das Papier geführt. Stundenlang dauert das Ganze, denn es ist ihnen nicht möglich, konzentriert bei der Sache zu bleiben.

"Nach jeder Ablenkung muss man sich dann selbst wieder überreden weiterzumachen. Das ist sehr anstrengend und klappt meistens nicht. So wird vieles nicht zu Ende gemacht. Die Aufgaben sind dann nur oberflächlich oder auch unvollständig erledigt. Das passiert aber nicht nur bei den Schulaufgaben, sondern bei allem was man anfängt, auch bei den Sachen, die man mag." (Felix3)

Trotz häufig überdurchschnittlicher Intelligenz, haben diese Kinder Probleme in der Schule. Nicht selten treten in Verbindung mit ADS Teilleistungsschwächen auf wie Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, visuelle/auditive oder taktile Wahrnehmungsstörungen, welche die Kinder zusätzlich belasten.

Symptomatik der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Symptome

Ausprägungen

Aufmerksam-
keitsschwäche

  • Schwierigkeiten, etwas überhaupt zu beginnen
  • Mangelnde Daueraufmerksamkeitsspanne: Wegdriften, abgelenkt sein, nochmals lesen müssen, um zu verstehen
  • Wachheit kann bei ”uninteressanten” Vorgängen nicht erhalten werden, Tagträumerei, unvollständiges Arbeiten
  • Mangelnde Fähigkeit mit Stimmungsschwankungen beim Arbeiten umzugehen: kritikempfindlich, chronisch entmutigt, genervt
  • Mangelnde Kapazität des Arbeitsgedächtnisses:
    ”Was wollte ich gerade tun / habe ich gerade noch gedacht ? - Ich weiß es, kann es aber nicht abrufen”
  • Ablenkbarkeit
  • Häufiges Auftreten von Lese-Rechtschreib-Schwäche oder anderen Teilleistungsschwächen
  • Impulsivität

  • Mangelnde Verhaltenskontrolle
  • Handelt und redet rasch, ohne nachzudenken
  • Niedrige Frustrationstoleranz
  • Kann nicht abwarten, wechselt rasch die Beschäftigung, kein planvolles Handeln (Folge: Lernstörungen trotz adäquater Intelligenz)
  • Hyperaktivität

    (verschwindet i.d.R. in der Pubertät)

  • ”Zappel-Philipp-Syndrom” (unruhig, zappelig, umtriebig)
  • Gesteigerter Bewegungsdrang
  • Grobmotorik und Sprache (viel und laut)
  • Enormer Kraftaufwand
  • Lokomotion: Kann nicht sitzenbleiben
  • Kann nicht im 90°-Winkel sitzen
  • Weitere wichtige Kriterien für die Diagnose

  • Deutliche seelische Unreife i.S. einer seelischen Entwicklungsverzögerung bei körperlich und intellektuell altersgemäßer Entwicklung
  • Deutlich schlechter werdende Schrift bei schnellem Schreiben
  • Auffallendes ”psychisches Ermüden” bei subjektiv schwierig eingeschätzten Aufgaben
  • Extremer Gerechtigkeitssinn
  • Auffallende spontane Hilfsbereitschaft bei Erkennen der Hilfsbedürftigkeit eines anderen
  • Heftige Reaktionen bei plötzlichen Veränderungen und hektischen Situationen
  • Hypersensibilität
  • Unfähigkeit zur reellen Selbst- und Eigenleistungseinschätzung. Kann nicht berichten
  • Erhebliche Beeinflussbarkeit
  • Im Jugendalter lässt die motorische Unruhe meist nach. Stärker noch als andere Jugendliche sind sie ausgesprochen stimmungslabil: Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt wechseln sie innerhalb kürzester Zeit. Häufig sind sie depressiv verstimmt, ohne dass es dafür erkennbare Gründe gibt. Ihre Ausdauer ist gering. Sie sind leicht beeinflussbar und stets auf der Suche nach Extremen. Sie müssen alles ausprobieren und neigen zu risikoreichem Verhalten. Oft werden sie viel zu früh Eltern. Suchtgefahren können sie schlecht widerstehen. Viele ‘Hypies’, wie sie oft genannt werden, sind bei ungünstigem Verlauf in Gefahr alkoholabhängig zu werden.

    Selbst im Erwachsenenalter sind manche Menschen noch immer erkennbar betroffen. Eine gestörte Selbstorganisation, impulsiver Handlungsstil, Selbstwertprobleme, nicht zuhören können, hohes Aktionsniveau, ”sensation seeking” (die Suche nach dem ”Kick”) und in ungünstigeren Fällen Suchtprobleme und Kleinkriminalität können Ausprägungen im Erwachsenenalter sein. Frau Neuhaus weiß von Patienten zu berichten, die selbst jenseits der Fünfzig in bestimmten Situationen noch medikamentös behandelt werden müssen, z.B. im Arbeitsleben bei der Umstellung auf Computerverarbeitung oder um jeden Montag die langatmige Vorstandssitzung schadlos zu überstehen.

    Die Diagnose - Stigma oder Segen ?

    Eltern, die nach einem langen Leidensweg einen Arzt oder Psychologen finden, der in der Diagnose des ADS versiert ist, empfinden dies als große Erleichterung. Viele Jahre versuchten sie ihr Kind zu unterstützen, merkten aber, dass keiner der von anderen Eltern oder von Fachleuten gegeben Tipps zu einer Verbesserung der Situation des Kindes oder der Familie führte. Eltern von Kindern mit ADS haben häufig viele Fachleute aufgesucht und um Hilfe und Unterstützung gebeten. Auch das Kind hat häufig schon mehrere Therapien der unterschiedlichsten Form durchlaufen - jedoch bis zur Diagnose erfolglos.

    Die Diagnose ist der erste Schritt dem Kind, aber auch den Eltern zu helfen. Liegt bei einem Kind ADS mit oder ohne Hyperaktivität vor, wird - durch die endlich richtige Diagnose - viel Druck von der Familie genommen, denn man erfährt, dass das Kind nicht extra ‚böse‘ ist, sondern dass das Kind eine angeborene Stoffwechselstörung hat, die das bisher gezeigte Verhalten bewirkt.

    Nun kann die Energie, die bisher für das Krisenmanagement nötig war in eine sinnvolle Hilfe für das Kind und die Familie fließen.

    Eltern wissen nun, dass nicht Erziehungs- oder Bindungsdefizite das Verhalten des Kindes verursachen. Sie lernen in Elterntrainings, wie sie ihr Kind zielgerichtet unterstützen können und wie sie ihre Umwelt aufklären können, um so ihr Kind zu schützen.

    Immer wieder werden Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert eine ADS-Diagnostik schaffe eine Stigmatisierung des Kindes. Es würde nun als krankes Kind abgestempelt, Entwicklungsmöglichkeiten würden ihm genommen.

    Diese Argumentation wäre dann richtig, wenn das vorher unauffällige Kind durch die Diagnose zum auffälligen, besonderen Kind würde. Dies trifft auf Kinder mit ADS aber nicht zu. Eben weil das Verhalten des Kindes stark auffällig ist, das Kind unentwegt ausgegrenzt und verspottet wird, deshalb suchen Eltern nach der Ursache dessen und nach Hilfsmöglichkeiten.

    Für Kinder mit ADS gilt: Sie werden aufgrund ihres Verhaltens ausgegrenzt und sind stigmatisiert. Durch die ADS-Diagnose wird nun der Grund hierfür bekannt und Eltern bekommen Unterstützungsmöglichkeiten in die Hand. Nun können sie aktiv ihrem Kind helfen, die bestehende Stigmatisierung zu verringern oder gar zu beenden.

    "Die Lehrer waren fast alle begeistert von mir. Sie merkten, dass ich nicht nur der böse und unruhige Felix war, der ständig den Unterricht störte, sondern dass ich jetzt auch ruhig auf meinem Stuhl sitzen konnte. ... Ich wurde von meinen Mitschülern plötzlich auf Geburtstagspartys eingeladen. Ich bekam sogar richtige Freunde, mit denen ich mich mittags mal treffen konnte. Zur Krönung wurde ich im nächsten Schuljahr zum stellvertretenden Klassensprecher gewählt." (Felix3)

    Im Mai letzten Jahres besuchten wir eine internationale Konferenz in Salzburg zum Thema ADS, um neueste Informationen zu erhalten. Frau Dr. med. Henrikje Klasen vom St. George's Hospital in London hat dabei einen vielbeachteten Vortrag gehalten. Dabei ging es unter anderem um die positiven Effekte , die von einer Diagnose ausgehen können. Hier ein Auszug aus dem Konferenzbericht:

     

      "Der 'Rumpelstilzchen-Effekt' - Zusammenfassung und Folgerungen aus der Studie

      ... Die polarisierte Diskussion der Diagnosefrage führt wie gezeigt wurde zu Problemen. Die Frage sollte deshalb nicht als entweder/oder formuliert werden, sondern vielmehr danach gefragt werden ob und unter welchen Umständen der medizinische Ansatz einen verhältnismäßigen Nutzen oder Schaden im therapeutischen Prozeß bringt. Zur Beantwortung dieser Frage sieht Klasen zwei Konzepte als bedeutsam, AGENCY und ATTRIBUTION.

      AGENCY beschreibt, inwieweit sich ein Individuum als fähig sieht, aktiv seine Umwelt zu gestalten. Üblicherweise wurde vermutet, daß der medizinische Ansatz dem Patienten 'Agency' nimmt, weil er sich nicht mehr für sein Verhalten verantwortlich fühlt, sondern die Probleme einer Krankheit zuschreibt.

      Bei ADHS scheint dies anders zu sein. Die Eltern fühlten sich durch die Diagnose aktiviert und fanden es dadurch leichter Lösungen zu suchen oder Therapievorschläge anzunehmen.

      ATTRIBUTION besagt, daß das Umfeld feindselig und kritisch reagiert, wenn angenommen wird, daß ein Fehlverhalten willentlich ausgeübt wird. Wird das Verhalten dagegen unfreiwillig ausgeübt, reagieren andere mit Anteilnahme.

      Die Diagnose half den Eltern nach eigenen Angaben einzusehen, daß die Kinder nicht absichtlich ‘unartig’ waren. Sie konnten dadurch entspannter auf die Kinder eingehen, waren weniger kritisch und berichteten über eine Verbesserung der Eltern/Kind-Beziehungen.

      Beide Konzepte geben also gute Argumente für eine Diagnose, öffnet sie in der Regel doch den Zugang zu effektiven Behandlungsformen, die derzeit die meisten Kinder leider nicht erhalten, wie epidemiologische Studien zeigen.

      Als Pendant zum literarischen Anfang mit Versen Shakespeares diente Klasen schließlich das Rumpelstilzchen-Märchen der Gebrüder Grimm. Bei Rumpelstilzchen war das Problem gelöst, sobald sein Name gefunden war." (BV-AH: Jahrbuch 19992)

                                                                                 Fortsetzung.......

    Dieser Artikel ist erschienen im EB-Kurier 1999:
    “Unruhige Kinder - Diagnostik und Intervention in der Erziehungsberatung”
    der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung in Hessen e.V.

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