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Die Entwicklung des Gewissens
bei Kindern mit ADHS
 

Am 19.9.01 hielt Frau Dr. Schlüter-Müller anlässlich des Weltkindertages einen Vortrag über Kinder mit ADHS. Über einen Aspekt aus dem sehr vielschichtigen Vortrag möchte ich berichten, die Gewissenbildung.

Brauchen Menschen ein Gewissen?
Die Funktion des Über-Ichs, das man Gewissen nennt, ist eine sehr nützliche Einrichtung und für das soziale Zusammenleben unverzichtbar. Ohne die Zurücknahme eigener Interessen kann ein kultiviertes Zusammenleben nicht gelingen.

Aber ich habe ja bloß....
Gerade das schwierige soziale Verhalten der Kinder mit ADHS macht Eltern große Sorgen berichtet die Ärztin. Oft gehen Mütter schon mit eingezogenem Kopf in den Kindergarten, weil sie wissen, welche Berichte sie erwarten. Ihr Kind sei zu grob zu anderen Kindern gewesen, es habe auf die Aufforderung hin etwas wegzuräumen mit einem Wutanfall reagiert, oder es habe andere Kinder getreten oder gehauen, als diese sich nicht unter seine Spielideen unterordnen wollten.

In der Grundschule folgen schnell Gespräche der LehrerIn mit den Eltern. Bald erhalten Eltern erste Briefe, in denen LehrerInnen schildern, das Kind habe sich den Anordnungen widersetzt, es folge den Ermahnungen nicht, es sei häufiger in körperliche Auseinandersetzungen verwickelt, zeige aber bei Gesprächen keinerlei Einsicht.

      Tobias ist anscheinend nicht in der Lage, eine Aufgabe für sich alleine zu erledigen. Ständig braucht er Publikum. Er liebt die Rolle des Klassenkaspers. Ständig versucht er absichtlich die Aufmerksamkeit der Mitschüler und Lehrer auf sich zu ziehen, z.B. gießt er wie von einem Kollegen beobachtet, die Blumen auf der Fensterbank nicht mit einer Gießkanne, sondern nimmt einen Mund voll Wasser aus dem Wasserhahn und spritzt dann das Wasser aus dem Mund auf die Blumen, was zu großem "Hallo" der anderen führt.

      Strafen beeindrucken ihn dabei nicht im geringsten. Er macht keinen betroffenen Eindruck und sieht sein Fehlverhalten nicht ein. Meist tut er auch noch unschuldig: "Aber ich habe ja bloß...."
      Brief eines Lehrers aus Cordula Neuhaus: Das hyperaktive Kind. S. 27/28

Eine typische Reaktion des Kindes ist: "Aber ich habe doch überhaupt nichts gemacht". Es sind immer die anderen gewesen, nie das Kind selbst. Eltern und LehrerInnen haben Kinder vor sich, die immer das Gefühl haben, es sind die anderen gewesen, die sich ganz schwer tun, die Schuld bei sich selbst zu suchen, die sich sehr schwer tun, sich zu entschuldigen.

Wie geht es Eltern damit?
Für Eltern ist die mangelnde Über-Ich-Entwicklung, die schlechte Gewissensbildung ihrer Kinder sehr schwer auszuhalten, denn sie haben selbst natürlich eine Vorstellung davon, was richtig oder falsch ist. Befragen sie ihre Kinder nach den Vorfällen, die von ErzieherInnen oder LehrerInnen geschildert werden, so stellen die Kinder es ganz anders dar. Andere haben geschwätzt, andere haben geschubst, andere haben getreten und sie wurden ungerechtfertigt beschuldigt. Wem sollen Eltern und LehrerInnen nun glauben?

Eltern geraten nun in einen quälenden Gefühlskonflikt. Einerseits möchten sie ihrem Kind so gerne glauben, sie möchten ihrem Kind vertrauen, doch andererseits machen sie auch in familiären Situationen die Erfahrung, dass ihr Kind oft uneinsichtig ist und im Geschwisterstreit schlecht die eigene Beteiligung sehen kann.

Verlangen Eltern in einer solchen Situation eine Entschuldigung von ihrem Kind, dann spüren sie, dass die Entschuldigung meist nicht von Herzen kommt, sondern dass die Kinder oft ein 'Entschuldigung' plappern um schnell ihre Ruhe zu haben. Eltern spüren, dass sich ihre Kinder nicht wirklich schämen.

Scham - Ist das denn heute noch wichtig?
Die Scham ist unabdingbar für eine Gewissensbildung. Wenn ein Mensch sich nicht schämt für das was er tut, kann er -psychoanalytisch gesprochen- kein Über-Ich entwickeln. Warum? Scham ist ein Gefühl, das sich sehr schlecht anfühlt. Dieses schlechte Gefühl hält uns davon ab, Dinge wieder zu tun. Scham ist ein Gefühl, das man unbedingt vermeiden möchte.

Kinder mit ADHS schämen sich viel weniger, weil sie die Situationen nicht so an sich heranlassen, weil sie Situationen anders wahrnehmen. Sie wirken selbst nach großen Auseinandersetzungen recht unbeteiligt. Durch die fehlende Scham fühlt sich eine solche Situation für diese Kinder nicht schlecht an. Da sie das schlechte Gefühl nicht kennen und es deshalb auch nicht fürchten müssen, geraten sie immer wieder in die gleichen Situationen. Deshalb haben Kinder mit ADHS ausgesprochen große Schwierigkeiten mit der Über-Ich-Entwicklung.

Wirkung auf Eltern und LehrerInnen
In Schule, Kindergarten und zu Hause wirken Kinder mit unzureichender Gewissensbildung sehr kalt. Sie scheinen zudem nicht aus sozialem Fehlverhalten lernen zu wollen. Gerade nach schlimmen körperlichen Auseinandersetzungen oder groben Beleidigungen wird von einem Kind Scham, Anteilnahme und Einsicht erwartet. Eltern und LehrerInnen sind dann über ein solches Kind entsetzt und sagen: "Was ist das denn für ein Kind, der schämt sich ja gar nicht!"

      Menschen mit ADHS sehen nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst anders. Sie können kaum objektiv über sich und ihre Schwierigkeiten berichten. Das Über-sich-berichten-Können mit Zugang auch zur eigenen Gefühlswelt setzt recht spät ein. In der Pubertät ist dieses meist noch nicht möglich, sondern erst im jungen Erwachsenenalter.

      Die Selbstwahrnehmung stimmt oft nicht mit der Fremdwahrnehmung überein.
      Cordula Neuhaus: Der hyperaktive Jugendliche. S. 76

Wo sitzt das Gewissen?
Gedächnis, Impulssteuerung, Selbstwahrnehmung, Selbststeuerung und auch die Gewissensbildung werden im Frotalhirn neuronal und biochemisch gesteuert.
Ein bekanntes Beispiel ist, dass der Genuss von Schokolade durch Serotoninfreisetzung die Stimmung hebt. Es ist nicht so, wie man früher dachte, dass ein psychischer Prozess einsetzt, der durch den süßen Geschmack ausgelöst wird, sondern es handelt sich um einen biochemischen Prozess, der durch die Gabe von SSRI nachgeahmt werden kann.

Man kann also davon ausgehen, dass die verzögerte moralische Entwicklung der Kinder mit ADHS im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklungsverzögerung und dem Dopaminmangel im Frontalhirnbereich steht.

Forschungsergebnisse
Am Medical Center of Iowa, wurde eine Untersuchung zu Auswirkungen von Hirnverletzungen auf das moralische Verhalten durchführt. Es stellte sich die Frage, warum wirken hochmoralische Menschen nach einer Verletzung oder einem Tumor im Frontalhirnbereich läppisch, lachen an falschen/unpassenden Stellen, fühlen nicht mit, und haben kein Schuldbewusstsein mehr?

Das Ergebnis war: Verletzungen im Frontalhirnbereich führen zu
- moralischer Fehlentwicklung
- unsensiblem Verhalten
- mangelndem Unrechtsbewusstsein
- mangelnder Emphatie
- seltenem Gefühl von Reue
Dennoch: Kognitiv sehen diese Menschen ein, dass es Unrecht ist, was sie tun, aber die Gefühle dazu sind nicht mehr da.

Der Zusammenhang
Genau dies erleben auch Eltern und LehrerInnen von ADHS-Kindern. Im Gespräch über Situationen mit anderen Kindern oder bei Geschichten können Kinder mit ADHS sehr wohl zwischen richtigen und falschen Handlungsweisen unterscheiden. Sie kennen die Regeln des sozialen Miteinanders, schaffen es aber nicht sie für sich selbst umzusetzen.

Die Forschungsergebnisse erklären, warum Kinder mit ADHS sich in ihrer moralischen Entwicklung so schwer tun, auch wenn Eltern ihren Kinder richtiges Verhalten vorleben und sich in der Erziehung alle Mühe geben. Frau Dr. Schlüter-Müller beschrieb dies als sehr kränkend für Eltern, insbesondere dann, wenn ihnen von anderen Personen der Vorwurf gemacht wird, dass die mangelnde moralische Entwicklung und Gewissensbildung ihrer Kinder mit ADHS wohl an Fehlern und Versäumnissen in der Erziehung liegen würde.

Schlussfolgerung
Für eine adäquate moralische Entwicklung und Über-Ich-/ Gewissensbildung ist es notwendig, komplexe soziale Situationen kognitiv und gefühlsmäßig erfassen und bewerten zu können. Durch den Mangel an Neurotransmittern im Frontalhirn ist das für Kinder mit ADHS nicht in ausreichendem Maße möglich, selbst wenn ihnen richtiges Verhalten als gutes Beispiel vorgelebt wird. Auch unter diesem Gesichtspunkt gelte es eine medikamentöse Behandlung zu bewerten.
                                                           
Dagmar Dietz     10/01

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