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Die Entwicklung des Gewissens bei Kindern mit ADHS

Wie kann man Kindern mit ADS/H richtig unterstützen?

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Was denken Ärzte, Lehrer und Eltern über ADHS ?

Leben mit hyperaktiven Kindern aus: Zeitschrift der LAG Erziehungsberatung

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Die Not der kleinen Nervensägen
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Es gibt Grund zur Sorgfalt, aber keinen Grund zur Sorge
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Gemeinsames Positionspapier  der Landesärztekammer BW und des BV-AH zu ADHS

AD/HD und Persönlichkeit

Was ist eine multimodale Therapie?

A Name, What’s in a Name ?
 

Was denken Ärzte, Lehrer und Eltern
über ADHS ?
 
Behindern unterschiedliche Erklärungsmodelle
eine effektive Behandlung ?

Bericht über einen Vortrag von Frau Dr. med. Henrikje Klasen,
London zu einer englischen Studie
von Christoph Dietz

”What’s in a name ? That which we call a rose
 By any other name would smell as sweet”
 (Shakespeare, Romeo and Juliet, iii.43)

Frau Dr. med. Henrikje Klasen ist Member of the Royal College of Psychiatrists in England, Magister in Sozialanthropologie und Ärztin für Kinderpsychiatrie am St. George‘s Hospital, London. Anläßlich der ADHS- (AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung) Konferenz in Salzburg hielt sie am 14.5.99 einen vielbeachteten und mit großem Beifall bedachten Vortrag, der sich mit einem Thema befaßte, das gerade für die Eltern betroffener Kinder von großer Bedeutung ist.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war die Frage, warum trotz großer Behandlungserfolge bei ADHS durch gezielte Therapieformen (Verhaltenstherapie, Medikamente, pädagogische Unterstützung), die durch zahlreiche Studien gut belegt sind, nur eine Minderheit der betroffenen Kinder als solche erkannt, diagnostiziert und schließlich behandelt werden.

Das amerikanische National Institute of Health hatte in einer kürzlich stattgefundenen Konferenz dargestellt, daß die Diskrepanz zwischen den großen Fortschritten bei Untersuchung, Diagnostik und Behandlung von ADHS bei Kindern und Erwachsenen auf der einen Seite und einer auf der anderen Seite bestehenden Verwirrung und Verunsicherung von Familien und Angehörigen des Gesundheitswesens andererseits auf unterschiedlichsten Meinungen beruht, die vielfach vertreten werden, aber oft nicht auf Forschungsergebnissen beruhen.

Auch Klasen vermutete, daß die Ursachen in unterschiedlichen Einstellungen und Meinungen liegen könnten. Eine Frage war dabei z.B., ob diejenigen Eltern, die der Biomedizin kritisch gegenüber stehen und alternative Ansätze verfolgen, den Kontakt zu Ärzten und Psychologen meiden.

Um Aufschluß über diese Fragen zu gewinnen, führte Klasen eine Studie durch, in deren Rahmen qualitative halbstrukturierte Interviews von ein bis zwei Stunden Dauer mit Eltern betroffener Kinder, Allgemeinmedizinern und Lehrern geführt wurden.

Den Allgemeinmedizinern kommt für die Erkennung von ADHS in England deshalb eine besonders große Bedeutung zu, weil es dort ein Primärarztsystem gibt, in dem Kinder nur durch ihren Hausarzt zu Spezialisten überwiesen werden können.

Aus den Interviews heraus wurden sechs Themenkomplexe näher spezifiziert, von denen Klasen in Salzburg drei vorstellte, die von den Interviewpartnern besonders kontrovers und leidenschaftlich diskutiert wurden.

1. Hyperaktivität - eine medizinische Störung ?

Die befragten Eltern beschrieben Hyperaktivität bzw. ADHS meist als medizinisches und weniger als psychologisches Problem. Präzise wiesen sie auf Ungleichgewichte im Neurotransmitterhaushalt und eine genetische Veranlagung hin. Anders als erwartet, betonten auch diejenigen Eltern, die sich alternativen Behandlungsmethoden zuwandten (und in einer entsprechend orientierten Elterngruppe organisiert sind), stärker den medizinischen Aspekt, allerdings oft in Verbindung mit Allergien oder Verdauungsstörungen.

Eltern vermuteten in der Regel, daß die meisten professionellen Gruppen wie Ärzte, Lehrer oder Therapeuten ADHS nicht auf die spezifische Konstitution des Kindes bezogen, sondern Umwelteinflüsse betonten, wie z.B. Erziehungsversagen der Eltern. Viele Eltern hatten Vorwürfe und Zurückweisung erfahren und beschrieben das z.B. so:

    ”Wissen Sie, niemand versteht einen. Man kommt sich vor als
    würde man mit dem Kopf eine Mauer einrennen.”

Tatsächlich betonten die befragten Ärzte stärker die sozialen und kulturellen Variationen von akzeptiertem Verhalten und die individuell unterschiedliche Belastbarkeit von Eltern. Die meisten Ärzte sahen in ADHS nicht ohne weiteres ein medizinisches Problem. Zwei Ärzte, die im Gegensatz dazu ADHS klar als medizinisches Problem beschrieben, kannten in ihrem persönlichen Umfeld Familien, deren Kinder mit ADHS diagnostiziert worden waren.

Ein Arzt: ”In dem Fall war ich mir absolut sicher, daß mit der Familie und der Erziehung alles in Ordnung war.” Er war deshalb davon überzeugt, daß ADHS ”... eine echte Störung ist, die von Behandlung profitiert und nicht davon, daß man sie unter den Teppich kehrt.”

Die meisten Lehrer sahen in ihren Antworten zwei unterschiedliche Arten von Hyperaktivität bei den Schülern.

Der erste Typus war ein häufig auftretendes Problem im Schulalltag und wurde als unruhiges, überaktives Verhalten beschrieben. Etwa 10 % und an manchen Tagen abhängig von äußeren Einflüssen bis zu 50 % der Kinder haben dann Konzentrationsprobleme und sind unfähig stillzusitzen. Genannt wurden in diesem Zusammenhang Ursachen im Umfeld der Kinder wie Mangel an Schlaf oder körperlicher Bewegung, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Ordnung zu Hause oder zu rigide Lehrpläne.

Mit ”wirklich hyperaktiv” bezeichneten die Lehrer einen zweiten Typus, den sie bei etwa zwei Prozent der Kinder sahen, die hyperaktives Verhalten unabhängig von Umweltfaktoren zeigten. Diese Kinder hätten ”ein echtes Problem, [auch] wenn sie gut gegessen haben, ausgeschlafen sind, zu Hause keine Probleme haben und trotzdem nicht zur Ruhe kommen können.”
Die meisten Lehrer glaubten, daß diese mehr extrem betroffenen Kinder an einer ”echten psychischen Störung leiden”, die nicht allein mit pädagogischen Mitteln behandelt werden könne.

2. Die Diagnose - hilfreich oder hinderlich ?

Alle Befragten sahen in der Diagnose und der damit verbundenen Etikettierung sowohl Vorteile, z.B. Zugang zu Hilfsangeboten als auch Nachteile z.B. Stigmatisierung, wenngleich die Gewichtung sich grundlegend unterschied.

Alle Eltern fanden, daß die Vorteile der Diagnose deren Nachteile klar überwogen. Etwa die Hälfte der Eltern empfand die Diagnose als größte Hilfe, die sie erfahren hatten. Selbst die Eltern, die alternative Therapien befürworteten und Medikamente ablehnten, waren sehr interessiert an klaren medizinischen Diagnosen. Die Eltern nannten zahlreiche Vorteile einer Diagnose.

Sie gibt den Eltern eine ERKLÄRUNG für das schwierige Verhalten ihres Kindes

    ”Ich war so glücklich, daß es einen Namen gab, daß ich mir nicht alles nur eingebildet hatte, daß ich es nicht mit einem Monster zu tun hatte, daß es einen Grund für sein Benehmen gab. Das beantwortete so vieles. So viele Dinge, über die ich mir so viele Sorgen gemacht hatte, paßten plötzlich zusammen ...”

und führt damit zu einer unmittelbaren ENTLASTUNG.

    ”Es war als hätte man mir ein Riesen Gewicht von den Schultern genommen ... der Druck nimmt einfach ab.”

Die Entlastung wirkt sich sowohl auf die Eltern aus, indem sie von oft lähmenden Schuldgefühlen befreit werden und Zugang zu professionellen Hilfsangeboten erhalten, als auch auf die Kinder, weil sie von den HILFEN profitieren und die Eltern den Kindern mit mehr VERSTÄNDNIS gegenübertreten, weil sie lernen, daß das Kind nicht einfach nur ‘ungezogen’ ist.

    ”Die Diagnose hilft uns zu verstehen, daß es nicht sein Fehler ist.
     Wir verstehen und er versteht.”
     - Aber: ”Nur andere Leute müssen es noch einsehen.”

Wenngleich die ADHS-Problematik der Umgebung oft nicht ohne weiteres vermittelbar ist, bewirkt die Diagnose doch unmittelbar VERBESSERTE ELTERN/KIND-BEZIEHUNGEN und ermöglicht es den Eltern leichter HILFEN ANZUNEHMEN. Eltern, die es vor der Diagnose extrem schwierig fanden, Elternberatung anzunehmen, weil sie Hinweise oft als Kritik auffaßten, waren anschließend froh um jeden Ratschlag, weil sie, wie es eine Mutter formulierte

  ”... diesen ultra spezifischen Job, ein so besonderes Kind aufzuziehen ...”

nicht erlernt hatten.
Die Eltern erhalten damit MEHR ERZIEHUNGSKOMPETENZ und erkennen, daß frühere Erziehungsfehler wie Schuldzuweisungen und ungerechte Strafen bei früherer Kenntnis der Diagnose vermeidbar gewesen wären.

Stigmatisierung als Folge der Diagnose ist für die Eltern oft weniger ein Problem als es Stigmatisierungen gewesen sind, die es bereits vor der Diagnose gegeben hat, weil die Kinder von ihrer Umwelt mit nichtmedizinischen STEMPELN versehen wurden.

    ”In der Schule war er als ‘faul’ abgestempelt worden, weil er so eine schlechte Handschrift hatte.”

Die Eltern spürten, daß mit den Kindern zugleich auch sie einen Stempel erhielten.

    ”Wenn die ein Kind ‘ungezogen’ oder ‘Problemkind’ nennen, laden  sie ja nur die Schuld auf die Eltern.”

Eltern fürchteten häufig, daß andere Leute, auch Angehörige des Gesundheitswesens, gegen die Diagnose sind und statt dessen versuchen, das Verhalten des Kindes als Variante des Normalen darzustellen und außerhalb medizinischer Kriterien zu bewerten.

Tatsächlich waren 70 % der befragten Ärzte der Meinung, daß die medizinische Behandlung von ADHS mehr Schaden als Nutzen bringe. Klasen beschreibt, daß die meisten Ärzte Diagnosen nur dann sinnvoll finden, wenn sie eine klar abgrenzbare Patientengruppe beschreiben, für die es eine spezifische Behandlung gibt. ADHS sahen sie oft als

    ”... künstliche, schlecht definierte und zu häufig verwendete Kategorie”

an und vermieden es deshalb zumeist, betroffene Kinder mit einer Diagnose und somit mit einem Etikett zu versehen. Viele Ärzte fanden zudem, daß die Sichtweise der Eltern ein Versuch sei zu vermeiden, sich mit eigenen Mängeln auseinanderzusetzen.

    ”Die Eltern müssen es lernen ihrem Kind zu helfen sich besser zu konzentrieren, sie müssen das Kind nur richtig stimulieren. ... Das Etikett lenkt nur vom Thema ab. Es externalisiert das Problem. Es ermächtigt die Familie nicht, sondern macht sie passiv.”

Nur eine Minderheit der Ärzte glaubte, daß eine Diagnose generell von Nutzen sein könne, da sie Familien von Streß befreie und ihnen praktische Hilfen zur Lösung ihrer Probleme gebe.

Bemerkenswert ist, daß es sich bei den befragten Ärzten überwiegend um solche handelte, die Zusatzqualifikationen absolviert oder besondere akademische Grade erworben hatten, bei denen also eher eine breitere Wissensbasis angenommen werden konnte.

Das Meinungsbild unter den Lehrern war uneinheitlich, was die Diagnose betrifft. Sie waren allgemein der Auffassung, daß man jedes Kind als Individuum ansehen und auf seine persönlichen Stärken und Schwächen direkt eingehen solle.

Die meisten Lehrer sahen die Diagnose dennoch als notwendiges Übel an, um an zusätzliche Ressourcen heranzukommen. Gleichzeitig äußerten sie aber die Befürchtung, daß die Etikettierung mit ADHS eine selbsterfüllende Prophezeiung werden könne und wiesen auf bisweilen unklare Grenzen zu normaler Lebhaftigkeit hin.

3. Familienprobleme - Ursache oder Folge der Hyperaktivität ?

Die Verbindung zwischen ADHS und dem gleichzeitigen Auftreten familiärer Probleme wird sowohl von Ärzten als auch von Eltern gesehen. Allerdings wurde die Ursache-Wirkungs-Beziehung völlig unterschiedlich eingeschätzt.

Die befragten Ärzte neigten eher dazu, das Verhalten des Kindes als Folge einer dysfunktionalen Familie zu verstehen, für sie waren in erster Linie Familienprobleme die Ursache der Hyperaktivität. So gingen sie z.B. davon aus, daß familiäre Schwierigkeiten auf die Kinder projiziert und diese damit zu Sündenböcken gemacht würden oder daß Eltern unfähig wären, ihren Kindern klare Grenzen zu setzen, so daß sich diese ruhelos verhielten oder sie unterstellten in einem anderen Fall, daß eine Mutter nicht mit dem normalen lebhaften Verhalten ihres Kindes umgehen könne, weil sie depressiv sei.

In der logischen Folge dieser Sichtweise versuchten sie zunächst die Eltern zu behandeln, bevor sie an eine Diagnose für die Kinder dachten.

Gerade auf solche Ansätze reagierten Eltern oftmals überaus sensibel, was daran liegen mag, daß sie bereits entsprechende Erfahrungen gemacht oder sich über ADHS vor dem Arztbesuch informiert hatten. Sie konnten aus eigener Anschauung sehr eindrucksvoll das Leben und Leiden von Familien mit ADHS-Kindern beschreiben und machten dabei gleichzeitig deutlich, daß die schwierigste Zeit vor der Diagnose liegt.

Sie schilderten den Alltag als extrem stressig und ermüdend und betonten die Wirkungen, die das Kind auf sie selbst und die ganze Familie hatte, auf ihr persönliches und psychisches Wohlbefinden,

    ”Es war so schwierig mit ihm, daß ich einen Nervenzusammenbruch hatte. Weil ich nicht wußte, wo ich mit diesem Kind hingehen konnte, was ich mit ihm machen sollte. Mein Haus sah aus wie ein Schlachtfeld.”

auf ihre Ehe

    ”Ich habe keine Ahnung wie meine Ehe das überlebt hat. Mein Mann konnte mit all dem nicht fertig werden. Er blieb einfach länger und länger bei der Arbeit. Obwohl er es wahrscheinlich nicht zugeben würde, aber ich glaube, er tat das um dem Chaos zu Hause zu entkommen ... und dann waren da natürlich unsere dauernden Streitigkeiten ...”

und ihre sozialen Beziehungen,

    ”Ich fürchtete mich davor, meine Schwester zu besuchen, weil mein Sohn bei jedem Besuch irgend etwas kaputt machte und ich konnte es niemals ersetzen. Am Ende zerstritten meine Schwester und ich uns ziemlich.”

die auch von Schuldzuweisungen beeinträchtigt sind.

    ”Es ist so ermüdend, so sehr, sehr schwierig ... andere Leute können einen wirklich verletzen; wissen Sie, die beschuldigen einen, ‘Was für eine Mutter ist denn die ?  Warum kann sie das Kind nicht kontrollieren ?’.  Ich brauche die Leute auf meiner Seite, nicht als Gegner. Ich glaube ich hätte einen Nervenzusammenbruch gehabt, wenn man mir nicht geholfen hätte.”

Besonders die Mütter waren davon betroffen und litten oft unter Schuldgefühlen.

    Meistens denkst Du es liegt an Dir, an irgend etwas was du tust oder nicht tust ... Ich fühlte mich so sehr schuldig. Ich fühlte mich nie richtig warm ihm gegenüber. Es war harte Arbeit, mütterlich zu ihm zu sein.”

Eltern von schwerer betroffenen Kindern beschrieben ihr Leben als dominiert von Erschöpfung, Ärger und Hoffnungslosigkeit. Sie fühlten sich gefangen zwischen Schuldgefühlen und sozialer Isolation und am schlimmsten ist es für sie, wenn ihnen niemand glaubt, wenn sie sich an niemanden wenden können, der sie herausholt aus diesem ‘häuslichen Schlachtfeld’

    ”Das sind die Situationen, in denen es zur Kindesmißhandlung
     kommt, wenn du ein hyperaktives Kind hast und keiner hilft dir.”

und machten damit zugleich deutlich wie wichtig es ist, Hilfe zu erlangen.

Der 'Rumpelstilzchen-Effekt' - Zusammenfassung und Folgerungen aus der Studie

Abschließend faßte Frau Klasen die unterschiedlichen Standpunkte zusammen, wobei sie darauf hinwies, daß die leidenschaftlichsten Reaktionen die Frage nach der Diagnose hervorrief. Sie schlug einen Bogen von den 70er und frühen 80er Jahren als den Medizinern von Seiten der Soziologen vorgeworfen wurde, abweichendes Verhalten zu einem medizinischen Problem und damit die Patienten zu Opfern zu machen, denen gegenüber auf diese Weise soziale Kontrolle ausgeübt wird.

Heute ist es offensichtlich so, daß Patientengruppen oder Elterngruppen vielfach eine kritische Distanz zum medizinischen Establishment entwickelt haben, sich durch Medien und das Internet informieren und sich in Selbsthilfegruppen organisieren und für eine medizinische Behandlung von Störungen eintreten, die von Ärzten - Spezialisten ausgenommen - als nicht eindeutig medizinisch eingeordnet werden.

Klasen wagt schließlich den vorsichtigen Versuch, aus den Ergebnissen ihrer Studie erste Schlüsse zu ziehen. Die polarisierte Diskussion der Diagnosefrage führt wie gezeigt wurde zu Problemen. Die Frage sollte deshalb nicht als entweder/oder formuliert werden, sondern vielmehr danach gefragt werden ob und unter welchen Umständen der medizinische Ansatz einen verhältnismäßigen Nutzen oder Schaden im therapeutischen Prozeß bringt. Zur Beantwortung dieser Frage sieht sie zwei Konzepte als bedeutsam, AGENCY und ATTRIBUTION.

AGENCY beschreibt, inwieweit sich ein Individuum als fähig sieht, aktiv seine Umwelt zu gestalten. Üblicherweise wurde vermutet, daß der medizinische Ansatz dem Patienten Agency nimmt, weil er sich nicht mehr für sein Verhalten verantwortlich fühlt, sondern die Probleme einer Krankheit zuschreibt.

Bei ADHS scheint dies anders zu sein. Die Eltern fühlten sich durch die Diagnose aktiviert und fanden es dadurch leichter Lösungen zu suchen oder Therapievorschläge anzunehmen.

ATTRIBUTION besagt, daß das Umfeld feindselig und kritisch reagiert, wenn angenommen wird, daß ein Fehlverhalten willentlich ausgeübt wird. Wird das Verhalten dagegen unfreiwillig ausgeübt, reagieren andere mit Anteilnahme.

Die Diagnose half den Eltern nach eigenen Angaben einzusehen, daß die Kinder nicht absichtlich ‘unartig’ waren. Sie konnten dadurch entspannter auf die Kinder eingehen, waren weniger kritisch und berichteten über eine Verbesserung der Eltern/Kind-Beziehungen.

Beide Konzepte geben also gute Argumente für eine Diagnose. Wenngleich eine Diagnose nicht immer und unter allen Umständen gut ist, öffnet sie in der Regel doch den Zugang zu effektiven Behandlungsformen, die derzeit die meisten Kinder leider nicht erhalten, wie epidemiologische Studien zeigen.

Als Pendant zum literarischen Anfang mit Versen Shakespeares diente Klasen schließlich das Rumpelstilzchen-Märchen der Gebrüder Grimm. Bei Rumpelstilzchen war das Problem gelöst, sobald sein Name gefunden war.

Für eine Verbesserung der Versorgung findet es Klasen wichtig, die unterschiedlichen Standpunkte der Beteiligten zu verstehen und zu berücksichtigen. Bezogen auf die Ärzteschaft heißt das vor allem, die erlebte Erfahrung der Eltern ernst zu nehmen und ihnen eine Chance zu geben, ihre eigene Sichtweise einschließlich eventueller Ängste und Schuldgefühle darzustellen. Dies hilft dabei, eine positive Beziehung zum Therapeuten herzustellen, Mißverständnissen vorzubeugen und Erwartungen zu klären.

Vertiefende Untersuchungen wären wünschenswert und weitere Problembereiche müßten einbezogen werden. Hinzu kommen praxisorientierte Themen wie z.B. optimierte Testverfahren für die Diagnose unter Einbeziehung der Lehrer, die eine recht lange Beobachtungsphase der Kinder haben. Tatsache ist wohl auch, daß die Wartelisten in englischen Spezialkliniken lang sind und insgesamt ein Mangel an Ressourcen besteht.

Weitere Aspekte und eigene Bewertungen

Frau Dr. Klasen hat darauf hingewiesen, daß es häufig nicht die am schwersten betroffenen Kinder sind, die eine Diagnose erhalten. Entscheidend ist vielmehr die Beharrlichkeit der Eltern. Geholfen wird vor allem den Kindern von Eltern, die gut informiert und hartnäckig genug sind, um sich nicht abwimmeln zu lassen.

Gleichzeitig ist dies das Problem derjenigen Kinder, deren Eltern selbst Probleme haben oder schlecht informiert sind oder sich im Umgang mit öffentlichen Stellen nicht adäquat wehren können. Oft sind dies jene sozial benachteiligten Familien, die aufgrund beengter Wohnverhältnisse und wirtschaftlicher Probleme ohnehin schon Schwierigkeiten haben, mit denen sie schwerlich fertig werden können. Deren Kinder haben kaum eine Chance auf Diagnose und Behandlung.

Klasen möchte zu einer Diskussion über die medizinische Behandlung von ADHS anregen. Dies scheint nötig und dringend geboten, wenn man die Situation in England betrachtet. Wenn die Allgemeinmediziner einerseits diejenigen sind, die quasi als ‘Pförtner’ darüber entscheiden, ob ein betroffenes Kind diagnostiziert wird und darüberhinaus die nötige Behandlung erhält, andererseits die meisten zumindest der in die Untersuchung einbezogenen Ärzte ADHS nicht als medizinisches Problem sehen und es damit in die Familie zurückverweisen, wird deutlich, warum so viel weniger Kinder die nötige Hilfe erhalten, als es möglich wäre.

Die Situation in Deutschland ist durchaus ähnlich. Hier sind es meistens die Kinderärzte, die als erste Ansprechpartner der Eltern entweder die nötigen weiteren Schritte unternehmen oder eben nicht. Der Informationsstand unter den Kinderärzten bezogen auf ADHS ist zumindest sehr unterschiedlich, Information wäre ein dringendes Anliegen. Auch manche Psychologen verstellen mit einer Beschränkung auf ausschließlich analytische oder familiensystemische Ansätze den Blick auf die ADHS-Problematik oder leugnen gar den medizinischen Hintergrund.

Erschwerend kommen neuere Aspekte der gesundheitspolitischen Entwicklung in Deutschland hinzu. Die Pförtner-Funktion der Allgemeinmediziner ist auch hierzulande im Gespräch. Die Budgetierung der Ärzte bereitet schon jetzt Probleme, weil sie die Verschreibungen von Medikamenten begrenzt und damit Kinder, die regelmäßig z.B. Ritalin benötigen, u.U. das Einkommen eines Arztes verringern können. Dies ist zwar unschön, aber nichtsdestoweniger ein Problem, das in der Praxis manche Auswirkungen haben kann.

Angesichts der Not der Kinder und ihrer Eltern ist eine Verbesserung der Versorgung von ADHS-Patienten, beginnend mit der Diagnose, ein dringendes Anliegen. Dies gilt für England, für Deutschland und sicher auch für viele andere Länder, die eigentlich eine sehr gute medizinische Versorgung haben. Es sollte dabei auch nicht vergessen werden, daß viele schwierige Lebensläufe sich anders entwickelt haben könnten, wenn beizeiten die richtige Diagnose gestellt worden wäre.

Wichtige Aufgaben werden in Deutschland von ADHS-Selbsthilfegruppen und ihren Dachverbänden wahrgenommen. Dies gilt sowohl für die Information der Eltern, aber auch anderer Gruppen als auch für die unmittelbare Betreuung von Betroffenen und ihren Eltern. Der gegenseitige Austausch schafft unmittelbare Erleichterung, nützliche Tips, Adressen und Erfahrungen werden mitgeteilt. Erfreulich ist auch, daß Selbsthilfeverbände aufeinanderzugehen und begonnen haben, sich zu vernetzen. Dies eröffnet neue Chancen, der Selbsthilfe mehr Gewicht zu verleihen, z.B. in der Öffentlichkeitsarbeit. Die Zusammenarbeit mit anderen Gruppierungen kann dazu beitragen, Probleme die aus unterschiedlichen Meinungen resultieren, zu beseitigen, z.B. durch Information der Lehrer.

Dieser Artikel ist erschienen im Jahrbuch 1999 des Bundesverbands Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität, Forchheim.

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