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Gemeinsames Positionspapier der Landesärztekammer BW und des BV-AH zu ADHS

AD/HD und Persönlichkeit

Was ist eine multimodale Therapie?

AD/HD und Persönlichkeit
von Harold S. Koplewicz, M.D.
Übersetzung: Doris Carnap

entnommen aus: ATTENTION    
Zeitschrift des amerikanischen Verbandes C.H.A.D.D.

                                                           - Originaltext lesen -
CHRISTOPHER
Vor einigen Jahren habe ich mit einer Gruppe von Psychiatern und Kollegen aus anderen Fachrichtungen die Auswirkungen von Psychostimulantien bei Vorschulkinder mit AD/HD untersucht. Den Tag werde ich nie vergessen, an dem der dreijährige Christopher mit  seiner Mutter zum Test kam. Der kleine Christopher war einer der schwersten Fälle, der den meisten von uns begegnet war. An diesem ersten Tag nahm er fast mein Büro auseinander, er kletterte auf die Möbel, kritzelte auf die Tische und warf Bücher und Papier im Raum herum. Ich mußte ihn auf meinem Schoß festhalten...um ihn zu interviewen...Es überraschte mich nicht, dass sich seit langem die Babysittern aus der Nachbarschaft weigerten auf ihn aufzupassen. Meine Diagnose war AD/HD...

Christopher war das bei weitem impulsivste, unaufmerksamste Kind das an der Untersuchung teilgenommen hat... Während des zehn Minuten dauernden freien Spiels, spielte er mit 61 verschiedenen Spielzeugen ...natürlich spielte er nicht damit,  sondern er nahm einen Gegenstand nach dem anderen in die Hand und warf ihn gleich wieder zurück. Seine Mutter versuchte ihn zu beruhigen, rannte hinter ihm her und bemühte sich vergeblich  seine Aufmerksamkeit auf eine Sache zu fesseln....Die Videokamera hat alles aufgezeichnet.... Im Raum herrschte ein einziges Chaos. Nachdem die Zeit für das freie Spiel abgelaufen war, ging einer meiner Kollegen hinein und sagte dem Jungen und seiner Mutter, dass es Zeit sei aufzuräumen. Daraufhin drehte Christopher vollkommen durch. Er schrie, warf sich auf den Boden und wollte sich absolut nicht am Aufräumen beteiligen. Nachdem der Wutanfall eine Minute angedauert hatte, wurde die Mutter gebeten alleine aufzuräumen.

Es war nicht möglich die vorgegebenen Aufgaben zu erledigen. Christopher wollte noch nicht mal allein an dem kleinen Tisch sitzen, um rote Dreiecke und blaue Kreise auszusortieren. Seine Mutter setzte ihn auf den Stuhl, aber er stand immer wieder auf und rannte im Zimmer herum. Die Mutter versuchte es weiter. “Christopher! Komm! Wir setzen uns hin und spielen!” rief sie immer wieder- aber nichts half. Die Mutter wurde zunehmend frustriert. Sie wußte, dass Christopher in der Lage war die Aufgaben auszuführen. Aber nach 10 Minuten hatte der kleine Junge nicht eine Aufgabe fertiggestellt. Die Mutter war vollkommen erschöpft...

Nach einem Monat kamen Mutter und Sohn um noch einmal den Test zu machen, mittlerweile nahm der Junge 40 mg eines Psychostimulans. Wieder wurde die gesamte Prozedur von einer Videokamera festgehalten. Für das freie Spiel wählte sich Christopher einen Werkzeugkasten aus, er und seine Mutter saßen auf dem Fußboden und spielten damit, nur damit, während der gesamten zehn Minuten... Ihre Unterhaltung war lebendig und angenehm. Das Aufräumen dauerte nur wenige Sekunden, es war ja nur ein Spielzeug wegzuräumen und Christopher erledigte die Aufgabe sofort, als er darum gebeten wurde. Und auch bei den vorgegebenen Aufgaben des Tests saß der Junge mit seiner Mutter am Tisch und vervollständigte 32 der 40 Zuordnungen....

Einige Monate später zeigte ich die beiden Videos von Christopher und seiner Mutter- also vorher und nachher- einer kleinern Gruppe Medizinstudenten,  bei ihrer turnusmäßigen Anwesenheit auf der Kinderpsychiatrie. Wir fragten die Studenten, die keine Ahnung hatten, um was es eigentlich ging, was ihrer Meinung nach mit der Mutter passiert sei. Alle Studenten kamen zu dem gleichen Schluß: die Mutter nahm Medikamente. “Im ersten Film ist sie chaotisch. Sie macht ihr Kind vollkommen verrückt, laufend schreit sie ihn an und macht ihm das Leben schwer”, sagte einer der Studenten. “Sie ist wesentlich gelassener und ruhiger durch die Medikamente”. Es ist wahr: im zweiten Film ist die Mutter ruhiger und gelassenener durch das Medikament, aber natürlich nimmt nicht sie das Medikament. Das Medikament, das die große Veränderung in ihrem Benehmen und Verhalten brachte.... ist das Psychostimulans des Sohnes. Der ‚neue’ Christopher, derjenige der aufmerksamer ist, der Spaß daran hat mit seiner Mutter zu lachen, zu spielen und zu reden, ist so viel angenehmer im Umgang, dass seine Mutter in ihrer Reaktion einfach auch angenehmer ist. Und so wird der Teufelskreis unterbrochen. Das Schimpfen und Nörgeln der Mutter hat sich gewandelt in Lob und Anerkennung, und das Kind blüht dadurch auf. Je mehr seine Mutter ihn mag, desto liebenswerter wird er, nicht nur seiner Mutter, sondern auch anderen  gegenüber. Nach einer Weile werden sogar die Babysitter ihre Meinung ändern.

Ich habe diese Studie nicht deshalb so ausführlich beschrieben, um die Wirksamkeit von Psychostimulantien bei der Behandlung von AD/HD hervorzuheben... sondern ich möchte die Diskussion darüber führen, welchen Einfluß die Störung des kindlichen Gehirns auf die Art und Weise hat, wie das Kind und die Menschen in seiner Umgebung aufeinander wirken. Christophers AD/HD machte ihn nicht nur impulsiv und unaufmerksam. Es machte ihn  unangenehm und unbeliebt, sogar bei den Personen die ihn am meisten liebten. Die Menschen mieden ihn, schimpften mit ihm oder weigerten sich auf ihn aufzupassen. Und dadurch, dass er unaufhörlich kritisiert und ausgeschimpft  und nur selten gelobt wurde, wurde seine Situation immer unerfreulicher.

Wir stellten in unserer Untersuchung fest, dass Mütter ihre AD/HS Kinder weniger loben, als es Mütter normalerweise tun, selbst dann nicht,  wenn die Kinder etwas ausgesprochen lobenswertes tun. Mütter von AD/HS Kindern sind mehr auf das negative Verhalten ihrer Kinder eingestellt als auf das positive, was nicht überrascht, es gibt wesentlich mehr negative Ereignisse als positive. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, Christopher hatte Glück. Er war nur drei Jahre alt, als die Störung erkannt und behandelt wurde. Es blieb ihm viele Negatives erspart, glücklicherweise blieben seine Erfahrungen hauptsächlich auf die Familie begrenzt. Er ging noch nicht zur Schule, er hatte noch keine Gelegenheit seine Lehrer zur Verzweiflung zu bringen und seinen Mitschülern auf die Nerven zu gehen. Mit der Hilfe des Psychostimulans und der seiner Eltern, hoffen wir, wird das nie passieren.

 

MARIO - Als Persönlichkeit geboren
Kinder werden mit bestimmten Eigenschaften geboren, die darüber bestimmen....wie sie lernen werden und wie sie zu anderen in Beziehung treten werden. Schon Neugeborene haben eine Persönlichkeit: Intelligenz, Humor und all die anderen Elemente, die eine Persönlichkeit ausmachen sind bereits im Mutterleib festgelegt. Aber die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes wird  beeinflußt, unter Umständen sogar sehr stark beeinflußt von der Umgebung in der es aufwächst. Ein Kind das heiter und optimistisch ist, bleibt nicht lange so, wenn seine Umgebung ihm immerzu negative Rückmeldungen gibt. Für vernachlässigte und mißbrauchte Kinder ist es sehr schwer, die heitere Einstellung zu behalten mit der sie geboen wurden. Die gleiche grausame und lang andauernde Auswirkung hat es auf Kinder, die mit einer Gehirnstörung auf die Welt kommen.

Als Mario, ein achtjähriger Junge zu mir kam fragte ich ihn, wie er seine Probleme beschreiben würde. “Ich bin ein schlechter Junge,” sagte er. “Was meinst du mit schlechter Junge?” fragte ich. “Ich gerate immer in Schwierigkeiten,” erklärte er. “Willst du denn in Schwierigkeiten geraten?” fragte ich. “Ich weiß nicht ob ich will, es passiert einfach. Ich bin wirklich ein schlechter Junge,” antwortete er. Im reifen Alter von acht Jahren ist Mario davon überzeugt, dass er ein Versager ist. Wenn man durchs Leben geht und ist von Menschen umgeben, die ungeduldig und wütend sind, hat das bestimmt einen Einfluß auf die kindliche Persönlichkeit. Mario ist keineswegs das einzige Kind mit niedriger Selbstachtung dem ich begegnet bin. Jeden Tag treffe ich auf Kinder, die von sich denken sie seien böse, dumm oder unfähig. Die überzeugt davon sind, dass sie ein Dorn im Auge ihrer Lehrer und eine schwere Enttäuschung für ihre Eltern sind. “Mein Vater denkt, dass ich total verkorkst bin,” erzählte mir der zehn jährige Ross. “Und er hat recht. Ich bin total verkorkst.” Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, was Ross zu dieser Schlußfolgerung veranlaßte. In seinem kurzen Leben machte er eine negative Erfahrung nach der anderen. Bis jetzt kennt er nichts anderes...

 

VINCENT - Die Plage der Lehrer
Eine andere Untersuchung zeigt wie schwierig es auch für Lehrer ist, mit Problemkindern umzugehen. Dieses Mal wollten wir anhand einer Doppelblindstudie herausfinden, wie Lehrer auf das Verhalten ihrer Schüler reagieren. Unsere erste Herausforderung war es den allerbesten Lehrer zu finden, jemand der gewissenhaft, warmherzig, geduldig, kreativ und geschickt dabei war gute Leistungen bei den Kindern herauszuholen. In einer Schule in der Bronx fanden wir Ms. Leonhard, von der als erfahrener Lehrerin jeder sagte, sie sei die Beste auf diesem Gebiet... [Ms.Leonhard] war einverstanden ihre Klasse für einen Tag zu verlassen um eine andere erste Klasse zu unterrichten...Wir baten sie sich der Klasse gegenüber genauso zu verhalten, wie sie es sonst tat, nur mit zwei Bedingungen: sie sollte jedes negative Verhalten der Kinder ignorieren und das positive Verhalten loben. Was Ms. Leonhard nicht wußte, eines der Kinder war der sechsjährige Vincent, bei dem AD/HD festgestellt war, der aber noch nicht medikamentös behandelt wurde. Mit im Klassenzimmer saß ein ‚blinder’ Beobachter, also jemand der Verhalten überwacht, den Grund dafür aber nicht kennt. Wir baten unseren Beobachter, das Verhalten von Ms. Leonhard gegnüber vier Kindern zu beobachten, einer von ihnen war Vincent. Jedesmal wenn eines der vier Kinder etwas tat oder sagte, entweder positives oder negatives, sollte der Beobachter über das Verhalten des Kindes Notizen machen und die Reaktion der Lehrerin darauf, in einer von drei Kategorien  beschreiben: ignoriert, kritisiert oder gelobt. Vincent fing gleich am Morgen an. Ehe der Untericht richtig begonnen hatte, zog er an den Haaren des Mädchens das vor ihm saß...Dann stellte er einem der Mitschüler ein Bein...Als Ms. Leonhard Anweisungen gab, ignorierte er die meisten davon. Ms. Leonard verhielt sich untadelig bei ihrer schwierigen Aufgabe.  Den ganzen Tag ignorierte sie sein schlechtes Verhalten - er schrie herum, stand von seinem Platz auf und vieles mehr. Der Rest der Klasse benahm sich die meiste Zeit normal und sie lobte und bedankte sich bei jedem Kind das etwas positives machte.

... als der Unterricht fast zuende war, gab  Ms. Leonard an jedes erste Kind in einer Reihe Arbeitsblätter aus und bat die Kinder sich ein Blatt zu nehmen und am Ende den Rest zurückzugeben. Zum ersten mal an diesem Tag machte Vincent was er tun sollte, aber Ms. Leonhard lobte ihn nicht für sein gutes Benehmen. Der Beobachter machte eine Notiz davon und von der Reaktion der Lehrerin...

Nach dem Unterricht besprachen wir die Ereignisse mit Ms. Leonhard und gratulierten ihr zu ihrem Umgang mit der Klasse und für die Geduld und Zurückhaltung gegenüber Vincents unmöglichem Verhalten. Dann befragten wir sie zu Ihrem Ausrutscher am Ende des Unterrichts. “Gegen zwei Uhr , als Sie die Kinder baten, die Blätter zurückzugeben, haben Sie da nicht gemerkt, dass Vincent  den Anweisungen folgte?” wurde sie gefragt. ”Doch, das habe ich bemerkt,” sagte Ms Leonhard. “Wir dachten, Sie haben das vielleicht übersehen,” sagte der Interviewer. “Nein, natürlich habe ich das gesehen.” “Aber sie haben ihn nicht dafür gelobt,” sagte der Interviewer. “Sie erinnern sich doch, Sie sollten jedes Kind loben, wann immer es etwas positives tat.” “Ja, ich erinnere mich gut”, antwortete Ms. Leonhard. “ Aber nachdem sich das Kind den ganzen Tag fürchterlich benommen hat, war ich einfach nicht in der Lage irgendetwas nettes zu ihm zu sagen!”

Meine Kollegen und ich könnten hundert weitere Untersuchungen und Tests machen, aber etwas ist auch jetzt schon eindeutig: Eine Störung des Gehirns beeinflußt das kindliche Verhalten auf verschiedene Arten, direkt und indirekt, und das kindliche Verhalten wiederum hat Einfluß darauf,  wie das Kind von anderen betrachtet und behandelt wird.


Je länger ein Kind ohne Behandlung bleibt, desto größer wird der Schaden sein, seine Selbstachtung und seine Erfolgsaussichten betreffend.

Denn wenn selbst Ms. Leonhard, die Superlehrerin, nichts Nettes zu dem armen kleinen Vincent sagen kann, kann es auch sonst niemand. 

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