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Hyperaktiv und 1000 Gedanken im Kopf

Ich denke nicht, dass sich mit der Pubertät die Sache „rauswächst“. Ich bezeichne mich selbst als einen „Hyperaktiven“ und weiß, dass es mehr Menschen in meiner Umgebung gibt, die genauso fühlen. Mit 25 Jahren denke ich aber, dass einige Eigenschaften durchaus positive Folgen für meine Persönlichkeit (trotz aller nervlichen Belastungen meiner Umwelt) hinterlassen haben. Der Text ist eine kleine Rückblende und eine Analyse. Aber im Grunde, hat sich an der Hyperaktivität nichts geändert, ich gestalte mein Umfeld nur entsprechend.

Alles in allem hatte ich ein sehr liberales Elternhaus. Trotzdem empfand ich es immer als besonders anstrengend, beim Essen ruhig zu sein, 2 Minuten im Auto angeschnallt zu sitzen, in der Schule 45 Minuten auf meinem Hintern mit zuhören zu verbringen, mir die Spielregeln bei Gesellschaftsspielen zu merken und dann auch sicher anzuwenden, länger als 10 Minuten fernzusehen, ins Bett zu gehen und innerhalb von 2 Stunden einzuschlafen, mal etwas nicht zu kommentieren, Hausaufgaben in einem Rutsch zu erledigen, etwas auswendig zu lernen, einen simplen Text abzuschreiben, einem Diktat zuzuhören......

Die Liste ist beliebig verlängerbar. Das Interessante ist, man merkt als Kind schon, dass man anders wahrnimmt als andere. Man merkt als Kind sehr schnell, wann man sich am Rande der sozialen Gruppe aufhält. Man passt aus irgendwelchen Gründen nicht zur Gruppe dazu, was sich in folgendem zeigt: Der „Klassenarsch“ ist der einzige der einen halbwegs akzeptiert; die „Stars“ prügeln auf einen ein; es fällt einem schwer Kontakte zu knüpfen; wenn es doch gehen soll, muss man sich bewusst zurücknehmen (also verstellen); ein „natürlicher“ bzw. unbekümmerter Umgang mit Menschen hat zwangsläufig den Kontaktverlust zur Folge; und die schwierigste Aufgabe: „Tue stets so, als ob du die Interessen anderer auch teilst“. Auf diesen letzten Punkt muss ich später nochmals eingehen.

Ritalin habe ich nicht bekommen (weiß auch nicht, ob es so was damals gab) aber ich kann mich an Beruhigungsversuche mit Baldrian und ähnlichem erinnern. Eine besondere Eigenart war und ist es heute noch, Medikamente prinzipiell abzulehnen, und ich setzte mich durch. Meine Mutter sagte, dass ich generell sehr selten krank war, aber wenn es mich mal richtig zerlegte, war ich sehr schlecht zu pflegen. Selbst mit Fieber trat keine Ruhe ein. Meine persönliche subjektive Beobachtung ist eher die, dass Hyperaktive dann doch eher zu den körperlich robusteren Personen gehören, die körperlich einiges wegstecken können.

Problematischer gestaltet sich aber die psychische Entwicklung. Ich habe noch Depressionsphasen in Erinnerung, die bis etwa in mein 17. Lebensjahr hineinreichten. Die „relative“ Kontaktarmut machte mir doch zu schaffen. Nach Außen fiel das nie auf, weil man ja ständig auf Achse ist. Aber richtige Freunde mit denen ich „lange“ und „ehrlich“ zusammensein konnte, fehlten fast immer. Freunde waren meistens andere „Sonderlinge“, Außenseiter oder in meinem Fall ein körperlich Behinderter, mit dem ich einigermaßen konnte.

Das Bewusstsein über die eigene Kontaktarmut war mir ziemlich früh bewusst: Ich denke, dass ich schon vor der ersten Klasse (also mit 6 Jahren) ein solches Gefühl verspürte. Traurigkeit, mit der man alleine fertig werden musste, war dann angesagt. Bis zum 17. Lebensjahr (das mag nun vielleicht ein wenig unglaubwürdig klingen) beschäftigte mich die Frage, warum das so ist und wie die Gesellschaft auf meine Anwesenheit reagiert. Etwas was mir sehr früh auffiel war, dass es sehr negativ ankam, über die eigenen, für Dritte „unkonventionellen“ Gedankengänge zu sprechen.

Mein Gehirn war/ist oft voll von parallelen Geschichten und Gedankengängen. Andere in meinem Alter konnten einen Gedanken, oder eine Argumentationslinie von A bis Z in einem Rutsch erledigen, das war und ist bei mir anders. Mehrere Stränge unterschiedlichster Themen liegen bei mir gleichzeitig an. Ein geistiges Chaos entstand für den Aussenstehenden, wenn ich ein Thema erleutern sollte.

Eine Zeitlang begann ich zu stottern. Ich bemerkte schnell, dass es daran lag, dass ich meine Meinung versuchte auszusprechen, während ich mit meinen Gedanken ein ganz anderes Thema bearbeitete. Und alles aufeinmal geht nicht, und so begann ich zu stottern, was mir heute manchmal noch passiert. Ich gehe damit aber mittlerweile ganz offen um. Das gleiche Verhalten passiert mir auch beim Schreiben sehr oft (ich denke man erkennt es schon bei diesem Text).

Einen Vorteil erkannte ich aber schon mit 7 Jahren. Ich bin zweisprachig aufgewachsen (Deutsch und Spanisch) und konnte zur Verwunderung aller Verwandten simultan dolmetschen. Es machte mir auch sehr viel Spaß. Zum einen stand ich im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt, war der schnellste Übersetzer und bekam dafür große Anerkennung. Es ist heute noch eine Tätigkeit, die mich nicht ermüdet, mich wenig Konzentrationsenergie kostet und die je länger man spricht um so schneller geht. Es ist die Fähigkeit gleichzeitig zuhören und reden zu können. Die Übersetzungen sind nicht wortgemäß, sondern sogar sinngemäß, aber ohne dass ich groß über den Inhalt reflektieren muss. Klingt widersprüchlich ist aber tatsächlich so.

Meine Berufsaussichten mit 15/16 Jahren waren also Übersetzer, nachdem ich mit 6 Jahren Krankenwagenfahrer wegen den Sirenen, mit 10 Polizist (Sirenen und gute Taten) mit 13 Jahren katholischer Pfarrer (gute Taten und dem hören die Leute zu) und ab 14 Jahren Telekommunikationselektroniker (ich hatte CB-Funkgeräte) oder Psychologe werden wollte. Alle Themen bearbeitete ich mit Enthusiasmus, meine Depressionen blieben aber.

Also nochmal zurück zu meinem Umfeld. Wenn ich es mit einigen Leuten länger aushalten wollte, durfte ich Ihnen nicht auf den Wecker gehen. „Rede wenig über deine abstrusen und breit gefächerten Interessen und halte dich generell zurück, versuche lustig zu sein“ waren mein Leitmotto.

Ich beschäftigte mich schon ab dem 8. Lebensjahr sehr intensiv mit der Frage, wie ich denn auf andere wirke und welche eigenen Verhaltensweisen welche Reaktionen bei meinem gegenüber bewirken. Es stellte sich heraus, dass meine vielen und schnellen Gedanken und Gedankenwechsel mein Gegenüber stark belasteten und dieses auf längere Sicht zur Ablehnung führt.

Daraus entwickelte ich eine für mich bis heute gültige Strategie: Ich versuche mit Leuten egal welchen Alters relativ wenig Zeit zu verbringen, dafür aber eine thematisch abgegrenzte und sehr intensive Beziehung aufzubauen. Dies war erst weniger eine bewusste Entscheidung, als eher die Angst, dass wenn mich mein Gegenüber in all meinen Facetten kennenlernt, er den Kontakt wegen Überforderung abbräche. So musste ich lernen, viele Kontakte zu knüpfen und mich an diese Strategie zu halten. Beobachten anderer Charaktere hatte ich ja lange genug geübt.

Heute gelte ich bei meinen bisherigen Arbeitgebern und Bekannten als „sozial kompetent“ und spiele auf allen Instrumenten der unter diesem Stichwort subsumierten Kategorie. Dafür versuchte ich mehrere Gruppen gleichzeitig zu bearbeiten. Mit 15 trat ich ins Rote Kreuz ein, war Messdiener, hatte 2 getrennte Freundeskreise, war morgens wie jeder in der Schule, nachmittags in einer spanischen Ergänzungsschule und interessierte mich für Elektronik. Mit 16 kam dann ein Nebenjob dazu (Einkaufswagenschieber in einem Supermarkt). So war ich einfach rund um die Uhr unterwegs und beschäftigt - freiwillig, immer unter Menschen und immer mit einer gewissen Anerkennung.

Also für jedes Interesse eine eigene soziale Gruppe. Ich habe einen besten Freund, der schüttelt heute noch den Kopf, wenn ich mal über meine Aktivitäten erzähle. Aber dafür verschwanden meine Depressionen. In der Schule (ab Oberstufe) wechselte ich von Stunde zu Stunde den Platz, so konnte ich immer was neues entdecken und ging nicht immer den gleichen auf den Wecker. In der Oberstufe fiel ich im Kurssystem auch weniger auf, da die Zusammensetzung der Gruppen immer eine andere war.

Schulnoten waren immer (und sind es auch heute noch) eine Katastrophe. Das Sitzenbleiben war bei mir immer immer wie eine Drohung von der 3. Klasse bis zur 13. Und dann noch die Fragen aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern: „Na, wie geht es denn in der Schule?“ Eine Scheißfrage. Noch heute werde ich sauer, wenn der einzige Maßstab die schulische Leistung sein soll. Sie war es aber in meinen und in den Augen meines Umfeldes und damit auch der Grund für ein deutlich angekraztes Selbstbild.

Die Wende kam wie gesagt mit 17, als ich erkannte, zu welchen außerschulischen Leistungen (also die Noten bleiben immer noch schlecht, meine Deutschnote im Abitur ist eine 5) ich fähig war. Während andere schon mit der normalen Schule „müde“ wurden, spielte nun die „verbrachte Zeit“ keine Rolle mehr. Nicht Zeit macht müde, sondern geistiger Inhalt und Konzentration. Ich begann das zu machen was mir Spaß machte und entwickelte dort (wie beim Übersetzen) erstaunliche Leistungen.

Ich begriff langsam, wie ich mit meinem Gehirn fertig werden konnte. Mein Gehirn oder meine Gedanken (oder vielleicht besser meine Aufmerksamkeit) habe ich vielleicht nicht unbedingt unter Kontrolle, aber ich suchte mir Problemfelder, in denen eine solche Eigenschaft vorteilhaft ist.

Die Frage der Aufmerksamkeitssteuerung ist ganz anders als bei anderen. Und ich fand die für mich gültige Technik. Es entwickelte sich für Aussenstehende eine gewisse exzentrische Neigung (wer nimmt schon Deutsch Leistung wenn man in der 10. Klasse gerade so mit ach und Krach eine 4 Minus hatte und Probleme mit der Rechtschreibung hat?).

Eine zusätzliche Frage beschäftigte mich schon sehr früh - was macht etwas für mich interessant? Denn die Dinge, die ich interessant fand, wurden meistens von meinem Eltern als „unwesentlich“ abgewertet und deshalb mit den Status „nicht verfolgungswürdig“ belegt. Ich stellte für mich folgendes fest: Konzentration so wie bei anderen kann ich nur aufbringen, wenn ein Thema idealerweise folgende Merkmale besitzt:

    - thematisch stark vernetztes Fachgebiet (z.B Biologie, „Geschichte der Physik“ jedoch nicht Geschichte oder Physik als separates Gebiet)
    -offen für eigene „Kreativität“, also ein Schweben in unterschiedlichsten Assoziationsketten erlaubt bzw. erwünscht
    -am besten eine Verbindung aus Wissen, Kreativität, eignen Gedanken und das vorhandensein von absoluten Fachleuten
    - visuelle, akustische, palpatorische oder olfatorische Reize gleichzeitig vorhanden
    - der Lehrer darf kein statisches Fachwissen abprüfen, da Fakten meistens erst erschlossen werden müssen. Ich kann auf hart gelernte Fakten nur schwer zugreifen.
    Dies scheint eben das absolute Gegenteil zu sein, was Fachleute empfehlen. Ich empfinde solche Situationen jedoch als sehr interessant und finde immer eine passende Nische für meinen aktuellen Gedanken.

Und folgendes empfinde ich als uninteressant:

    - Wenn alle einen Weg gehen, gehe ich diesen Weg nicht, da der Konkurrenzkampf aussichtslos erscheint. Ich bevorzuge einen Weg, der wenig ausgetreten (also ungenormt) ist
    - Menschen die konventionell und zu linear Denken und Handeln
    - Bürokratie und Spießigkeit (da falle ich meistens auf Anhieb durch).

Es ist wirklich leichter gesagt als getan. Ich kann vieles jetzt auch nur im nachhinein so formulieren, da ich sehe, dass dieser Weg für mich erfolgreich ist. Heute arbeite ich als EDV-Spezialist in einem großen Industrieunternehmen (20 h/ Woche) und mache Prozessabläufe (Optimierung und Gestaltung), Programmierung und Schulungen. Ich besitze privat ein Computernetzwerk (10 Pc´s in meinem Zimmer) und lebe noch bei meinen Eltern. Ich mache Musik, fahre leidenschaftlich Rettungsdienst (am liebsten Nachtschichten), studiere BWL an einer FH und bin Geschäftsführer eines Sportvereins mit 130 Leuten.

Noten interessieren mich nicht, sondern nur der Abschluss einer Sache hat für mich die Priorität. Die Ergebnisse müssen nicht die besten sein, sondern die Ergebnisse müssen brauchbar sein. Nur so kann ich meinen Trieb zur Vielfältigkeit erfolgreich befriedigen.

Auch wenn es paradox erscheint, ich kann besser als andere komplexe Probleme erfassen, deren Verbindungen zu anderen Themengebieten erklären und deutlich machen und mit solchen Gebieten umgehen. Am besten erkläre ich Problemstellungen, wenn ich ein Gegenüber habe, das ich beobachten kann. Anhand der Reaktionen erkenne ich, ob er es dann endlich rafft oder nicht. Schriftlich klappt das nicht so gut (siehe diesen Text oder bei schriftliche Hausarbeiten im Studium). Am besten klappen Vorträge und Präsentationen vor einer Gruppe von Leuten. Ich kann immer garantieren, dass niemand einschläft und reagiere spontan auf Einwürfe. Ich rede dabei lieber frei als abzulesen.

Ich denke ich habe so ein wenig aus meinem hektischen und unaufgeräumten Nähkästchen geplaudert. Ich weiß aber auch, dass ich noch vieles erzählen könnte. So z.B. das Thema Zeitgefühl, über die ich viele Erscheinungen bei mir oder anderen Hyperaktiven erkläre.

Das wichtigste ist aber, dass sich ein Hyperaktiver durch intensive Selbstreflektion seine Eigenarten erklären kann. Mit diesem Wissen soll er sich dann Problemfelder suchen, die zu seiner Gehirntätigkeit passen. Mir ist eines aufgefallen: In der EDV-Branche scheint es nämlich erstaunlich viele und erfolgreiche Hyperaktive zu geben.

P.S: Die Idee zum Text und der Inhalt waren in 5 Minuten geistig erledigt, die Niederschrift in einer für „Normalaktive“ verständlichen Form dauerte ein ganzes Wochenende.
10/01

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