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             Felix
* 1984

Die Freude auf das erste Kind ist groß. Es ist ein besonders lebhaftes Kind, strampelt viel und lässt so auch den Papa die Schwangerschaft intensiv miterleben. Die Geburt dauert lange und ist sehr anstrengend, doch als Felix auf dem Bauch liegt, ist alles vergessen. Als die Schwester ihn am nächsten Morgen zum Stillen bringt, sagt sie, dass sie ganz erstaunt ist, wie viel Energie dieses neugeborene Kind hat. Die anderen Babys liegen in ihren Bettchen und schlafen, Felix ist wach. Nach einer Weile fängt er an zu schreien, ich nehme ihn auf den Arm, schaukele ihn, singe ihm etwas vor. Schließlich ist er ruhig, ich lege ihn in sein Bettchen, er weint erneut. Ich laufe mit ihm umher, nehme ihn in mein Bett, lege ihn an die Brust. Solange ist er zufrieden. Sobald er alleine in seinem Bettchen liegen soll, schreit er. Ich bin nach der Geburt noch vollkommen erschöpft, brauche eigentlich etwas Ruhe. Die anderen Mütter versuchen ihn zu beruhigen, auch sie haben keinen Erfolg. Sie beginnen sich über das "Schreikind" zu beschweren, ihre Kinder können nicht schlafen. So drehe ich mit Felix meine Runden auf dem Flur.

Die Dammnaht heilt nicht, die Blutungen werden immer stärker, die Gebärmutter bildet sich nicht richtig zurück, weil ich keine Ruhe bekomme. Völlig verzweifelt bringe ich ihn schließlich ins Säuglingszimmer, damit ich mich mal hinlegen kann. Mache ich etwas falsch? Doch - die anderen Mütter und die Kinderschwestern schaffen es auch nicht ihn zu beruhigen. Was ist mit meinem Kind los? Nach einer Woche geht es nach Hause. Die Schwestern sagen zu mir: "Wissen Sie, so ein unruhiges Kind hatten wir hier noch nie. Wir haben ihn manchmal in ein Nebenzimmer gestellt, damit die anderen Babys schlafen konnten. Da wird noch ziemlich was auf Sie zukommen." Habe ich ein Ungeheuer geboren?

Zu Hause wollte Felix auch nicht schlafen. Er schrie viel, trank hastig, verschluckte sich oft. Nur wenn ich ihn trug oder im Kinderwagen schob, war er still. Andere Mütter erzählten strahlend von ihren Babys, ich musste aufpassen, dass ich nicht vor Erschöpfung irgendwo umfiel.

Einmal pro Woche ging ich mit ihm zum Mini-Club. Die anderen Kinder bauten Bauklötzchen, krabbelten oder liefen umher - spielten. Felix raste durch den Raum und fiel immer wieder über die anderen Kinder oder deren Spielsachen. Immer und immer wieder schimpften die anderen Mütter mit ihm, er hätte ihren Kindern wehgetan, Dinge kaputt gemacht oder er würde sie erschrecken, da er so schnell und laut sei. Fehlten wir einmal so drehten sich die Gespräche während des nächsten Mals darum, wie ruhig es doch das letzte Mal gewesen sei, wie schön die Kleinen gespielt hätten, da sie nicht dauernd gestört wurden. Die anderen Mütter sahen Felix nur als Plage.

Ich erzählte dem Kinderarzt davon. Er war ganz erstaunt, denn Felix war in seiner Entwicklung sehr weit. Da er so wenig schlief, hatten wir viel Zeit zum Spielen. Der Kinderarzt tröstete mich: "Seien Sie doch froh, dass Sie so ein lebhaftes Kind haben." Mein Einwand: "Aber er wird überall abgelehnt." "Er kommt ja bald in den Kindergarten", wurde ich vertröstet.

Wir hofften, aber dort wurde es auch nicht besser. Auch hier rannte Felix herum, räumte viel aus, aber spielte wenig. Beim Frühstücken und den Kreisspielen blieb er nicht sitzen. Beim Vorlesen schwätzte er dazwischen, konnte nicht wie die anderen Kinder still sein und gebannt lauschen. Basteln durfte er bald auch nicht mehr mit den anderen Kindern, da seine ungelenken Bewegungen mit der Schere in der Hand der Erzieherin Angst machten. Es war ihr zu gefährlich. Machte seine Gruppe einen Ausflug, musste er an diesem Vormittag in einer anderen Gruppe bleiben. Er durfte nicht mit seiner Gruppe gehen, hierfür mochten die Erzieherinnen nicht die Verantwortung übernehmen. Beim Abholen wurde ich immer häufiger zur Rede gestellt, ich solle mein Kind konsequenter erziehen, er müsse lernen sich an die Regeln der Gruppe zu halten. Felix wurde im Kindergarten zunehmend von Aktivitäten ausgeschlossen, wegen seines schlechten Verhaltens vor die Tür gestellt oder vor der Gruppe ausgeschimpft.

Zu Hause war Felix ein liebes, lebhaftes, fröhliches Kind. Wegen des Drucks, der von Seiten des Kindergartens ausgeübt wurde, wandte ich mich an eine Erziehungsberatungsstelle. Hier sah man Felix' Verhalten als Ausdruck von Eifersucht auf seine jüngeren Geschwister und riet uns sich mehr mit ihm zu beschäftigen (noch mehr?).

Erneutes Warten auf eine bessere Zukunft. Felix freute sich auf die Schule, wir freuten uns mit ihm. Lesen lernen wollte er schon lange vorher. Aus Angst davor, dass ihm dann in der Schule langweilig sein würde und er wieder auffällig würde, ließen wir ihn ein Instrument erlernen. Er spielte mit großer Begeisterung. Das nährte unsere Hoffnung, dass es in der Schule besser werden würde.

Er war keine Woche dort, da rief uns eine völlig entnervte Klassenlehrerin an. Felix würde im Unterricht umherlaufen, singen, ständig reden und reinrufen. Er könne nicht abwarten. Wir erzählten ihr, welch tolles Kind Felix zu Hause sei, wie rücksichtsvoll, kreativ und hilfsbereit, sensibel und auffassungsschnell. Nach vielen Gesprächen erklärte sie uns, sie werde Felix für ein Überprüfungsverfahren auf Erziehungshilfe anmelden. Das entsprach nicht unserer Sicht auf unser Kind, so dass Felix schon sechs Wochen nach der Einschulung die Schule wechselte. Der Erziehungsberater, bei dem wir Unterstützung suchten, führte die Ursache von Felix' Verhalten auf unbewusste und unverarbeitete Kindheitskonflikte bei uns Eltern zurück. Felix agiere unser inneres Auflehnen gegen Autoritätspersonen aus, das wir uns nicht offen zu leben trauten.

Sehr schnell begann die neue Klassenlehrerin uns anzurufen. Sie gab die gleiche Beschreibung über sein Unterrichtsverhalten wie die Lehrerin zuvor. Zusätzlich hatte er häufig die Hausaufgaben nicht. Felix geriet zunehmend in eine neue Rolle. Er wurde von seinen Klassenkameraden gehänselt und provoziert. Er begann sich zu wehren und wechselte so seine Rolle vom Klassenkasper zum Sündenbock. Im Gespräch mit der Lehrerin oder uns versprach er fest, sich an die Regeln zu halten, doch er schaffte es nicht. Häufig hörten wir von ihm: "Das wollte ich doch gar nicht" oder "Ich will meine Lehrerin doch gar nicht ärgern". Felix begann zu resignieren.

Wir meldeten ihn zu einer Psychodramagruppe an, damit er Hilfe bekommt. Für eineinhalb Jahre ging er dort hin. Während der monatlichen Elternabende und der begleitenden Einzelberatung sollten strukturelle Erziehungsdefizite aufgedeckt und behoben werden. Wir sollten ihn weniger beschützen, sondern mehr Dinge selbständig erledigen lassen. Durch die Rückmeldung der Lehrer würde er lernen sich an Regeln zu halten und seine Dinge (Hausaufgaben, Schulzeug vollständig mitnehmen) zu erledigen. Seine motorische Unruhe sei ein Freistrampeln aus unserer für ihn zu engen Umarmung.

Je mehr wir die Dinge umsetzten, die wir in der Erziehungsberatung erarbeitet hatten, desto schlechter ging es Felix. Er verlor jeden Halt und verzweifelte über sich selbst. In der Schule hatte er täglich mehrmals Ärger wegen vergessener Hausaufgaben oder Unterrichtsmaterialien. Sprachen wir oder die Lehrerin ihn hierauf an, dann sagte er nur vollkommen verzweifelt: "Ich will doch!" Aber auf einen Lernerfolg warteten alle umsonst.

Wir sehnten den Übergang in die fünfte Klasse herbei. Felix sagte häufig, dass ihm in der Schule langweilig sei. In der neuen Schule wäre er stärker gefordert, wir hofften, seine Unruhe würde sich so verlieren.

Der Wechsel brachte wieder eine kurze Zeit der Entspannung. Er war nun nicht mehr mit den Kindern aus seinem Wohnumfeld zusammen, sondern er hatte die Möglichkeit für einen vollkommenen Neuanfang. Es dauerte nur wenige Wochen und wir hörten von den Lehrern die gewohnten Klagen. Felix reagierte nun zunehmend oppositionell. Er begann sich gegen alle Leute zu wehren, die Anforderungen an ihn stellten. Er hatte das Gefühl auf dieser Welt sei kein Platz für ihn, das Interesse anderer Leute sei nur, ihn zu beschimpfen und ihn auf das hinzuweisen, was er nicht konnte.

Im sechsten Schuljahr drohte der Schulverweis. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie schien die einzige noch mögliche Rettung, unser Kind vor dem Untergang zu bewahren. Dort wurde Felix und die Familiensituation eingehend untersucht und die Diagnose 'Hyperkinetisches Syndrom mit Störung des Sozialverhaltens' gestellt.

Im Abschlussgespräch reihte die Ärztin all die belastenden Situationen, die wir ihr geschildert haben, von Geburt an ein. Wie viel Leid und Ausgrenzung hätte Felix und uns erspart bleiben können, wäre die Diagnose Jahre früher gestellt worden und wir hätten Felix gezielt unterstützen können.

Zwischenzeitlich baten wir das Jugendamt (JA) um Unterstützung. Im Hilfeplangespräch, bei dem eine Psychologin des JA und die Felix behandelnde Ärztin dabei war, erklärte die Ärztin den Fachfrauen des JA, was die Ursache für Felix Schwierigkeiten ist und wie aus ihrer Sicht Felix geholfen werden kann. Die Psychologin des JA ließ allerdings eine neurobiologische Störung als Ursache für Verhaltensauffälligkeiten generell nicht gelten. Ursache hierfür sei immer eine Bindungsstörung zwischen Eltern und Kind. Da Felix' Schwierigkeiten offensichtlich schon nach der Geburt sichtbar waren, könne es sich in unserem Fall nur um eine Bindungsstörung aufgrund einer pränatalen Ablehnung des Kindes handeln. Leider konnte Felix' Ärztin, die zugleich auch Psychologin ist, die Psychologin des JA nicht überzeugen, so dass Felix eine zielführende Hilfe nach §35a KJHG nicht gewährt wurde.

Die Konfirmation stand an. Schon bei der Anmeldung bat uns der Pfarrer, Felix nicht mit zur Rüstzeit zu schicken. Felix wäre ein zu anstrengendes Kind. Die Zeit in der er Felix für sechs Wochen im ersten Schuljahr in Religion unterrichtete, hatte er nicht vergessen.

Seit der Diagnose können wir Felix sinnvoll unterstützen und ihm helfen. Wir besuchen Elterntrainigskurse, machen bei einer auf ADS-Kinder und - Jugendliche spezialisierten Therapeutin Elternberatung und besuchen eine Elterngruppe. Wir lesen Bücher, besuchen Veranstaltungen und Vorträge. Mit dem erworbenen Wissen unterstützen wir Felix heute.

Wir wissen nun, dass ihn nicht mangelnder Wille, sondern sein ADS davon abhält die Dinge zu tun, die erledigt werden müssen. Wir wissen aber auch, dass es nichts nützt ihn 'auf die Nase fallen zu lassen', dass dies der falsche Weg ist, ihn lernen zu lassen, sondern dass er noch lange unsere Unterstützung brauchen wird. Wir wissen, dass nicht Bindungsstörungen oder Erziehungsdefizite ursächlich für Felix' Verhalten sind, so dass wir unsere Energie nicht mehr in eine vergebliche Suche oder Aufarbeitung investieren müssen, sondern sie sinnvoll im Interesse unseres Kindes einsetzen können. Wir wissen weiterhin, dass Felix und die ganze Familie diesen schweren Weg gehen mussten, weil viele Psychologen, Sozialpädagogen, Lehrer und Erzieher entweder nicht über ADS informiert sind, oder sie nicht bereit sind organische Ursachen für Verhaltensschwierigkeiten eines Kindes zu akzeptieren.

Mit dem Wissen um ADS und der richtigen Unterstützung geht es Felix heute zunehmend besser.

                                                                          10/2000

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