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KEVIN
geb. 1995

Kevin* ist unser Wunschkind. Wir sind so glücklich als er endlich da ist, er liegt auf meinem Bauch und schmatzt. Er ist eine Woche zu früh, die Geburt wurde eingeleitet, da die Herztöne gelegentlich abfielen. Die Nabelschnur ist laut Hebamme viel zu kurz - aber egal, alles ist vorbei.

Zweieinhalb Stunden später verließ ich den Kreissaal zu Fuß. Dass ich schon wieder so fit war, fand ich toll. Darauf war ich total stolz. Mein Mann trug unseren Sohn. Die Hebamme begleitete uns ins Zimmer.

Ich entschied mich für sofortiges Rooming-in, weil ich keine Sekunde von meinem Sohn getrennt sein wollte. Die erste Nacht verlief völlig unspektakulär. Kevin schlief nur, und ich konnte vor Aufregung kein Auge zu tun – hätte ich es doch nur getan!

Die nächsten Nächte gestalteten sich schon schwieriger, Kevin war fast ausschließlich wach und wollte ständig an die Brust. Einerseits fand ich das gut, andererseits fiel mir schon auf, dass die anderen Neugeborenen viel mehr schliefen. Auch ich wurde nachts im Krankenhaus schon angesprochen, was mit meinem Kind los sei, ob ich es denn nicht mal beruhigen könnte? !

Am 3.Tag gingen wir nach Hause, weil ich dachte, dass alles in der vertrauten Umgebung besser klappen würde - aber Irrtum. Kevin trank nach wie vor gut an der Brust, mochte aber selten schlafen. Mein Tagesablauf sah so aus: Kind stillen, Kind tragen und beruhigen, Kind spazieren fahren, denn im Kinderwagen war Ruhe. Man fand mich also meist draußen, bei jeder Witterung (es war Winter !!!).

Mein Mann hatte nach der Geburt 3 Wochen Urlaub und versuchte mich zu entlasten wo es nur ging, trotzdem fühlte ich mich körperlich schon total ausgepowert. Als sein Urlaub zu Ende war, heulte ich Rotz und Wasser, weil ich dachte, dass ich das alles alleine nie schaffen würde. Um mir wieder Mut zu machen, tat ich mein Gejammere als „Babyblues“ ab.

Ich nahm Kontakt zu befreundeten Müttern auf, die ebenfalls entbunden hatten und hoffte, dass es ihnen ähnlich erginge, aber weit gefehlt. Bei diesen Müttern war alles ganz easy. Die Mütter machten einen relativ entspannten Eindruck und ein paar Kinder schliefen schon seit der 3. Lebenswoche durch. Ich traute meinen Ohren nicht !

Ehrlich gesagt konnte ich es nicht fassen. Ich zog mich mehr und mehr zurück, weil ich gar nicht hören wollte, wie gut es bei den anderen klappte.

Ich stand in der Regel ca. 15 Mal pro Nacht auf, weil immer irgend etwas los war - und war fix und fertig, denn ich wusste ja, dass ich tagsüber auch nicht zur Ruhe kam.

Meine Bedenken „ob das wohl alles so ok ist, wie es ist“ wurden vom Kinderarzt und auch von guten Bekannten abgeschmettert. Sätze wie: „ Manche Kinder schlafen halt wenig “ oder „Es sind bestimmt die Drei-Monatskoliken“, aber auch “Du warst als Kind genauso, also was erwartest Du ?“ waren an der Tagesordnung.

Ich wusste nicht was ich erwartet hatte, das jedenfalls nicht. Ich war ständig im Wechselbad der Gefühle. Eine Seite in mir liebte dieses Kind über alles, anderseits war ich oft so schockiert darüber, wie aggressiv mich dieses Kind machen konnte.

Kevin war immer ein Kind mit zwei Gesichtern; ein Kind das Ruhephasen hatte und diese auch sehr genoss, sich massieren ließ, unglaublich ausdauernd Bücher angucken konnte oder einfach nur vor sich hin spielte.

Dann der Kevin, der unglaublich laut war, oft verbal gar nicht zu erreichen schien, sehr grob im Umgang mit Anderen war, völlig frustriert und verzweifelt war, wenn irgend etwas nicht klappte und schließlich, ständig in Bewegung war.

Die Krabbelgruppe gestaltete sich schon als schwierig. Die meisten Dinge interessierten Kevin nicht. Das was er machen sollte interessierte ihn kaum oder gar nicht. Alles andere war toll - kreuz und quer krabbeln, laut sein, andere Kinder ärgern und das sehr penetrant und ausdauernd. Die anderen Mütter begannen sich zu beschweren und ich war oft nur fassungslos, weil ich unseren Sohn nicht mehr wiedererkannte.

In dieser Lebensphase nannte ihn unser Kinderarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen immer „Flitzerboy“, keiner hat sich was dabei gedacht, er wohl auch nicht.

Im März 1998 wurde Kevins Schwester geboren, unser zweites Wunschkind. Diese Zeit gestaltete sich erneut sehr schwierig, weil Kevin nie dazu zu bewegen war, in irgendeiner Form Rücksicht zu nehmen, also z.B. etwas leiser zu sein, wenn sie schlafen sollte oder wollte.

Wir stempelten dies als Eifersucht ab und gaben ihm ganz viel Aufmerksamkeit - aber nichts änderte sich. Ich machte Kevin oft Vorwürfe, schickte ihn ins Zimmer, und hatte dabei immer ein unglaublich schlechtes Gewissen.

Rückblickend würde ich sagen, dass ich in dieser Zeit wohl echt depressiv gewesen bin, ich dachte zum Beispiel, dass ich nicht in der Lage bin meine Liebe für zwei Kinder zu teilen, dass ich unfähig bin und grundsätzlich alles falsch mache. Zusammengefasst: Ich hatte das Gefühl, kläglich zu versagen.

Dazu kam, dass sich die Zusammenkünfte innerhalb der Familie als immer problematischer darstellten. Festtage wie z.B. Weihnachten waren schlichtweg die Katastrophe. Kevin schien noch unberechenbarer zu sein. Mein Mann und ich standen im Vorfeld schon total unter Druck: “Hoffentlich passiert dies nicht, hoffentlich passiert das nicht.“ Und so weiter und so weiter. Wir hatten das Gefühl, dass die Stimmung gegen Kevin kippte, zumal bei den Großeltern ohnehin nur noch die kleine süße Schwester angesagt war. Das machte uns sehr betroffen.

So ein Enkelkind wie er es war, das war zuviel, damit hatte man nicht gerechnet. Kein angepasstes Kind, das immer gut gelaunt ist, höflich antwortet und natürlich schön brav sitzen bleibt. Nach solchen Besuchen waren wir immer völlig fertig, wir stritten häufig und suchten den Schuldigen.

Kevin kam in den Kindergarten.
Die Trennung bereitete ihm scheinbar weniger Probleme als mir. Ich machte mir irgendwie ständig Sorgen. Nach ca. 5 Monaten wurde mir zwischen Tür und Angel gesagt, dass ich doch mal mit Kevin zum Arzt gehen sollte. „Der ist ja hyperaktiv.“ Er würde ständig dazwischen plappern, oft lachen, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt, im Kreis würde er nicht sitzen bleiben. Ich war nicht wirklich schockiert über den Inhalt der Aussage, höchstens über die Art und Weise wie dieses „Gespräch“ stattgefunden hatte.

Zwei Tage später saßen mein Mann und ich abends beim Kinderarzt zum Gespräch. Wir schilderten die Situation. Unser Arzt beruhigte uns. Kevin sei völlig normal. Klar, er wäre ein Flitzer aber das würde sich meistens wieder legen. Wir sollten nicht soviel darum geben, nur weil eine hysterische Kindergärtnerin irgendwann mal einen Kurs gemacht hat.

Zu Hause entspannte sich die Situation etwas, weil wir gemerkt hatten, dass Kevin in der 1 : 1-Situation besser lenkbar war und so unternahmen wir viele Dinge getrennt. Unbewusst hatten wir auch begonnen, gewisse Abläufe zu strukturieren, weil wir merkten, dass Kevin so besser zurechtkam.

Im Alter von 4 ½ Jahren veränderte sich die Situation im Kindergarten. Die Trennungsphase war extrem schwierig. Kevin wollte nicht mehr im Kindergarten bleiben, klammerte sich an meine Beine und schrie. Ich sollte nur „Tschüss“ sagen und dann sehr schnell die Gruppe verlassen, weil sich so „erfahrungsgemäß“ die Kinder am schnellsten beruhigten. Es lief dann so ab, dass die Gruppenleiterin Kevin von meinen Beinen riss und ihn in ein anderes Zimmer trug, ich ging dann. Auf dem Nachhauseweg konnte ich mich kaum beruhigen. 10 Minuten später rief ich im Kindergarten an, um zu erfahren, dass anscheinend alles in Ordnung sei. Diese Situation war für mich auf Dauer unerträglich.

Nach einem Gespräch mit der Erzieherin beschlossen wir, Kevin jeden Morgen um 7.45 in den Kindergarten zu bringen. Dies sollte verhindern, dass er zu einem späteren Zeitpunkt mit einer vollen Gruppe, und somit mit einer Reizüberflutung konfrontiert würde. Kevin erzählte sehr wenig vom Kindergarten.

Bald darauf fand ich Kevin in der Abholzeit immer öfter in der „Strafecke“ vor. Er musste auf einem Stuhl sitzen während die anderen Kinder draußen spielen durften. Meine Wut auf die Erzieherinnen wuchs. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich total auf ihn eingeschossen hatten, immer war irgendwas. Fragte ich Kevin, bekam ich zunächst kaum eine Antwort. Später dann ganz oft „der hat mich so geärgert” , „der hat gesagt dass ich das und das tun soll.........“.

Kevin wurde stiller und stiller, und ich wusste, dass es ihm im Kindergarten nicht gut ging. Er war zum Außenseiter geworden! Zunächst wollte ich das nicht so wahrhaben, obwohl ich es wusste. Es tat sehr weh dies mit anzusehen.

Dann waren Ferien, wir fuhren in Urlaub!
Dieser Urlaub war sehr harmonisch, wir verbrachten 12 Tage auf einem Kinderbauernhof und die Kinder fühlten sich unglaublich wohl. Wir waren oft am Meer und erholten uns gut, gestärkt fuhren wir nach Hause.

Eine Woche nach dem Urlaub ging „es“ wieder los. Kevin klagte während der Mahlzeiten ständig über starke Bauchschmerzen und konnte so gut wie nichts mehr essen. Er weinte ständig wenn er etwas aß und so vereinbarten wir einen Termin beim Kinderarzt. Es folgten Blutentnahmen, Ultraschall - organisch war alles in Ordnung, Gott sei Dank. Die Erklärung vom Kinderarzt: „Wissen sie, manchmal haben die Kinder ein Problem, man kommt da selten ran, aber es ist da. Dann haben die Kinder Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen.“

Er schlug vor, Kevin in einer Frühförderstelle vorzustellen. Dazu händigte er mir ein Rezept aus. Erst zu Hause las ich: 10 x Psychomotorik wegen hyperkinetischem Syndrom.

Da ich von Beruf Kinderkrankenschwester bin, und so mit dem Krankheitsbild etwas vertraut war, hielt ich das für einen schlechten Scherz. Nie war bisher auch nur in irgendeiner Form über dieses Krankheitsbild gesprochen worden - und jetzt das. Als die erste Lethargie verflogen war, kauften wir uns Lektüre über ADHS, und erkannten unseren Sohn sofort wieder. Das war unglaublich schmerzhaft.

Dann ging’s los:
11.10.2000 Anamnesegespräch in der Frühförderstelle
23.10.2000 Untersuchung auf neurophysiologischer Basis
Ab 07.11.2000 Psychomotorikgruppe, 1x wöchentlich 1 Stunde
Anmeldung für die integrative Kindertagesstätte / Heilpädagogische Gruppe
11.01.2001 Diagnose durch die Institutsambulanz der
Kinder -und Jugendpsychiatrie:    ADHS

Nachdem der Regelkindergarten über die Diagnose aufgeklärt wurde, zeichnete sich aber trotzdem recht schnell ab, dass für Kevin dort nicht viel getan werden konnte (aus organisatorischen Gründen !!!).

19.02.2001 Wechsel zur integrativen Kindertagesstätte.
Dass der Wechsel zur Kindertagesstätte so schnell erfolgen konnte, verdanken wir einem glücklichen Zufall.

Kevin fühlte sich in seiner 9-köpfigen Truppe gleich unglaublich wohl. Er wurde in seiner neuen Gruppe so akzeptiert wie er ist. Er konnte so sein wie er war. Nach kürzester Zeit war er wesentlich ausgeglichener und zufriedener. Sein Selbstbewusstsein wuchs von Tag zu Tag.

Die Erzieherinnen, die Praktikanten und auch der Kindergartenleiter hatten und haben stets ein offenes Ohr, wenn es Probleme gibt. Sie sind einfach immer für uns da. Das hat uns gut getan und sehr dabei geholfen, ADHS als Teil unseres Sohnes zu akzeptieren. Es fand und findet immer ein reger Austausch von Informationen statt, das ist enorm wichtig.

Im Mai nahm unser Sohn an einer 14-tägigen Ferienmaßnahme teil - freiwillig!!! Zu dieser Zeit befand er sich gerade mal 10 Wochen in der Einrichtung, ich denke, dass dies alles sagt. Wir haben ihn sehr vermisst, er uns weniger.

Kevin wird die Einrichtung noch ein Jahr besuchen und wir sind uns sicher, dass ihm das Jahr noch sehr viel bringen wird. Ins Förderprogramm wurde zusätzlich noch Ergotherapie aufgenommen.

Unsere Tochter besucht die Einrichtung ebenfalls, als nicht erkranktes Kind. Sie fühlt sich auch sehr wohl dort und genießt es, durch ihren „großen“ Bruder beschützt zu werden.

Seit Juli 2001 wird Kevin auf Ritalin eingestellt. Wir waren zuerst sehr beunruhigt, da sich zu Beginn überhaupt nichts veränderte. Zur Zeit liegt die Dosierung bei 10 mg morgens und 10 mg mittags und das Medikament zeigt Wirkung.

Es tut gut zu sehen, wie Kevin seine Kreativität voll ausschöpfen kann und endlich ans lang ersehnte Ziel kommt. Er hat tolle Erfolgserlebnisse und ist sehr stolz auf seine „Arbeiten“.

Er ist schon in der Lage, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren und die Aufmerksamkeit zu halten. Sein Sozialverhalten hat sich enorm verbessert und die familiäre Situation hat sich entspannt. Natürlich ist das Medikament nicht das Wundermittel. Wir sehen es tatsächlich als Hilfe an, so wie Kurzsichtige eine Brille tragen oder Diabetiker Insulin injizieren.

Wir akzeptieren Kevin so wie er ist, auch wenn es manchmal immer noch schwer ist.

Elterntrainings haben uns gut geholfen, diverse Dinge zu verstehen, vieles zu strukturieren, “goldene Regeln“ aufzustellen, gewisse Dinge zu tolerieren, um gewünschtes positives Verhalten aufzubauen. Trotzdem kostet es immer wieder sehr viel Kraft, das Gelernte im täglichen Geschehen umzusetzen.

Die Akzeptanz im Familienumfeld ist nur begrenzt vorhanden. Der Wille sich mit der Thematik zu befassen geht gegen Null. Wir vier versuchen nach vorne zu blicken und nähern uns langsam aber sicher dem nächsten Angstgegner - Grundschule.

Mit der Frühförderstelle und 5 weiteren betroffenen Elternpaaren wird ab September ein Stammtisch ins Leben gerufen, der sich hoffentlich bald zur „ Elterngruppe ADHS“ weiterentwickelt. Es gibt viel zu tun. Mein persönlicher Dank gilt der „Chaosprinzessin“ Agi, die mich mit ihrer unwiderstehlichen Art immer wieder aufgebaut hat. Mach weiter so.

August 2001

                                                                 * Namen geändert

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