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ADS - Hyperaktivität

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Kim geb. 1998
 

Kim* ist mein Wunschkind. Die Schwangerschaft mit ihr war mehr als „geplant“ und eine große Freude für mich. Zum ersten Mal erlebte ich dieses Wunder, ein Kind auszutragen. Ich habe jeden Tag genossen. Obwohl ich kugelrund wurde, über 25 kg zunahm und den halben Hochsommer herumächzte, war es eine besondere Erfahrung. Ich habe gesund gelebt, nicht geraucht, keinen Alkohol, war immer bei den Vorsorgeuntersuchungen.

Kim war in meinem Bauch schon ziemlich lebhaft, wie ich zurückblickend feststellen kann. Sie hat sich immer um sich selbst gedreht, nicht purzelbaumhaft, sondern in Schädellage immer die Position verändert – mal Rücken nach vorne, dann wieder rumdrehen. In der Schwangerschaft war sie fast immer 2 Wochen zu klein, einmal bestand sogar der Verdacht auf Retardierung (Kleinwuchs). Heute weiß ich, das KANN schon ein Anzeichen auf ADS gewesen sein, aber daran denkt ja niemand in einer Schwangerschaft!

Jedenfalls kam sie ET+6 spontan im August 1998 unter einer natürlichen Geburt zur Welt. Ihre Geburt war normal, regelmäßige, langanhaltende Wehen... insgesamt waren es etwa 12 Stunden. Die Plazenta war allerdings angewachsen und musste in Vollnarkose per Hand gelöst werden. Kim selber war etwas bläulich angelaufen und kam erst mal ins Wärmebettchen. Sie war 49 cm groß und 3240 g schwer – wenig für eine übertragene Schwangerschaft.

Die ersten 2-3 Tage im Krankenhaus war sie ruhig, süß und lieb. Das Stillen klappte schlecht. Sie fand den Dreh einfach nicht zuverlässig die Milch zu saugen.

Zuhause fing sie an zu schreien – und damit begannen die Probleme. Sie hat die ersten 3 Monate EXTREM viel geschrien. Unsere sehr gute Kinderärztin damals sagte schon, Kim würde an Reizüberflutung leiden. Damit hatte sie Recht, und wie - das hat sich erst später herausgestellt.

Im 1.Lebensjahr hatten wir alle erdenklichen Probleme, die man sich denken kann. Sie schlief nicht von alleine ein, aber auch nicht mit unserer Hilfe. Nichts funktionierte recht. Sie nahm schlecht Beikost an, kam mit dem Löffel nicht zurecht, drehte sich spät auf den Bauch, schrie viel, war unzufrieden, hat es im Kinderwagen nicht ausgehalten, war anstrengend und stressig. Ich kam mir schon vor wie eine schlechte Mutter, weil nichts recht klappte.
Hielt ich ihren Rhythmus nicht ein, war Chaos vorprogrammiert, sie wurde chaotisch, fing an zu schreien. Mit einem Jahr fing sie an zu laufen und auch zu wüten. Sie hatte viele Wutanfälle und beruhigte sich fast nicht mehr, kein Zureden, Trösten und Beruhigen war möglich, es war gar kein Herankommen an sie. Sie war sprunghaft im Spiel und hörte sehr schlecht, ging nicht an der Hand, schrie beim Autofahren...

Dafür war sie pfiffig und gut in der Entwicklung. Sie fing früh an zu sprechen, verstand Dinge schnell. Was sie interessierte, klappte super. Bei Dingen, die sie lernen musste (in erster Linie erziehungstechnisch) hatten wir fortwährend Probleme. Sie fremdelte extrem stark. Sie fing mit 4 Monaten an und hörte knapp über 1,5 Jahren erst damit auf. Sie blieb bei niemanden außer bei mir und ihrem Vater. Motorisch entwickelte sie sich normal, konnte aber das gesamte 2.Lebensjahr nicht rennen.

Auf ADS bezogen eskalierte es im 3.Lebensjahr, also knapp mit 2 Jahren. Zum „normalen“ Trotzverhalten kamen nun immer mehr ADS-typische Symptome. Die Unruhe, noch mehr sprunghaftes Verhalten, sie produzierte Chaos, konnte sich nur schwer auf eine Sache gezielt einlassen. Ihr Verhalten wurde immer impulsiver. Sie schrie und wütete oft in ihrem Zimmer, dass ich heulend davor stand oder in einem anderen Zimmer. Ich habe mich so oft gefragt „Was machst Du falsch? Du bist eine konsequente, aber liebevolle Mutter. Was ist hier eigentlich los?“

Zeitgleich wurde Philipp im November 2000 geboren, ihr kleiner Bruder. Kim war 2 ¼ Jahre alt. Sie war aber kaum eifersüchtig, kam mit der Situation gut zurecht. Nur mit sich selber nicht. Ich habe mich von Anfang an bemüht, sie in alles einzubeziehen, sie zu beschäftigen und sie auch mal zu bevorzugen. Trotzdem war es eine harte Zeit für mich. Mein Mann half mir fast gar nichts, ich war viel allein mit mir, den Kindern und all den Problemen.

Andere Mütter gingen mit ihren Kindern im gleichen Alter in Spielkreise und auf Spielplätze – das war mit Kim nicht möglich. Es war kein Halten mehr. Ich war nur noch hinterher, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Nicht, weil ich gluckenhaft über ihr wachte, sondern weil sie echt unvorsichtig war. Sie baute kein soziales Verhalten mit anderen Kindern auf. Die waren ihr schlichtweg egal. Rückblickend ist die Zeit für mich schwierig zu beschreiben. Ständig war irgendetwas. Sie hatte keine Vorsicht im Blut, an der Straße z.B. – man konnte sie nie von der Hand lassen. Sie hatte keine Ehrfurcht und natürlich kein Verständnis dafür, dass das nun gefährlich sein könnte – zu keiner Zeit. Viel kann man in dem Alter nicht erwarten – klar, aber von dem BISSCHEN, was hätte da sein können, gab es gar nichts. Sie schmiss mit Steinen auf parkende Autos, sie kämpfte und trotzte, schrie und weinte, stand sich selber im Weg. Kleinste Veränderungen im Tagesablauf oder unvorhergesehen Ereignisse warfen sie komplett aus der Bahn.

Ende des 3.Lebensjahres habe ich mich von Kim´s Vater getrennt. Die Ehe war am Ende. Gleichzeitig las ich das erste Mal über ADS, da war ein Bericht in der Zeitung ELTERN, der mich stutzig machte. Es gab 10 Fragen, die man beantworten sollte, 30 Punkte zu vergeben. Kim erreichte 30 Punkte. Ich las das erste Mal über die Krankheit ADS.

Schließlich habe ich Rat beim Kinderarzt gesucht (und keinen gefunden, der stand dem ADS achszelzuckend gegenüber und meinte nur „Seien Sie froh ein lebhaftes Kind zu haben!“).

Die emotionale Zerrissenheit zwischen Kim und mir wurde immer größer. Wir hatten zwar ein halbwegs liebevolles Verhältnis, allerdings war unsere Beziehung zueinander schon arg lädiert. Wir hatten schon schlimme Zwischenfälle hinter uns, heftige Wutanfälle, schlimme Stürze, sie war oft krank. Sie fiel oft einfach so hin, fiel vom Stuhl, hatte extrem viele blaue Flecken.

Sie schrie viel, wenn sie Angst vor Höhe hatte oder sich weh tat (wohlbemerkt, MEHR als andere Kinder in solchen Momenten). Die Wahrnehmungsstörungen mehrten sich. Alles, was sie nicht einschätzen konnte, wurde schwierig und anstrengend und sie schrie dann, konnte sich kaum beruhigen.

Fingernägel schneiden z.B. war eine Tortur. Sie schrie und wand sich, ich war jedes Mal nassgeschwitzt hinterher. Übrigens schlief sie sehr gut. Das war nie ein Problem bei uns. Sie aß auch gut, hat da nie Probleme bereitet. Sprachlich fing es gut an, war aber chaotischer im 3. und 4.Lebensjahr.

Naja, nachdem der Rat beim Kinderarzt nicht so ergiebig war, habe ich mir einen Kinderpsychologen gesucht. Wir mussten 3 Monate auf den Termin warten. Das war hart. Ich hätte den Termin früher gebraucht, aber die Ärzte sind überlaufen in dem Sektor. Ich schilderte der Psychologin meine mittlerweile heftigen Erziehungsschwierigkeiten mit der knapp 3 Jahre alten Kim und meinen Verdacht auf ADS.

Kim durchlief eine Testreihe verschiedener Schwerpunkte. Auffassungsgabe, Motorik, Konzentration... heraus kam, für das ADS ist es noch zu früh als Diagnose. Definitiv hat sie sensomotorische Integrationsstörungen, also Wahrnehmungsstörungen und wurde in Ergotherapie gebracht. Im Oktober 2001 kam sie in Ergotherapie und das dauert bis heute an.

Sie entwickelte zunehmend einen starken Redefluss und plapperte den ganzen Tag, rannte nur noch hinter mir her, spielte kein bisschen allein. Sie hat immer und immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Weil sie es einfach nicht mehr wusste. In wiederkehrenden Situationen immer wieder die gleichen Fragen. Das nervt auf Dauer wahnsinnig. Sie fing an, alles endlos auszudiksutieren, platzte in jeder Unterhaltung dazwischen, telefonieren war unmöglich. Sie war mit ihren Gedanken überall und nirgendwo.

Der Eintritt in den Kindergarten wiederum klappte problemlos. Sie blieb vom 1.Tag an 5 Stunden täglich dort. Keine Probleme. Da soll man nicht in´s Wundern kommen !!!

ADS oder nicht ? Ich brauchte langsam Gewissheit. Wir wandten uns verzweifelt an das Zentralinstitut für seelische Gesundheit. Die gaben sich leider keine rechte Mühe, wälzten alles auf die schwierige Trennungssituation und meinen mittlerweile labilen, depressiven Zustand ab. Nach 2 kurzen Gesprächen und einer kleinen halbstündigen Testreihe, die eigentlich ein IQ-Test war, wurde uns gesagt, Kim hätte definitiv kein ADS. Sie sei nur anstrengend (haha) und ich "solle mir halt Hilfe suchen und in der 1.Klasse nochmals wiederkommen", falls Probleme auftreten sollten. Damit war der Fall für das ZI erledigt. Ich war am Boden zerstört. Ich spürte als Mutter genau, dass man uns Unrecht getan hatte, die hatten sich gar keine Mühe gegeben.

Ich sah alle Symptome von ADS, es wurde mit knapp 4 Jahren immer stärker, immer schlimmer. Kim war zuhause sehr, sehr anstrengend mittlerweile. Der Alltag mit ihr war zermürbend. Sie weinte wegen jeder Kleinigkeit, die nicht klappte, war extrem weinerlich. Aggressiv, impulsiv, flippte wegen jeder Kleinigkeit aus.

Ich hatte nicht einmal schöne Momente wie Kuscheln mit ihr, das ging mir völlig ab. Wir hatten so etwas einfach nicht. Kim ließ es nicht zu. Sie ließ auch mögliche Hilfe oder Halt ihr gegenüber nicht zu.

Ich hatte intensive Gespräche mit der Ergotherapeutin. Sie verstand nach der „Diagnose“ des ZI die Welt nicht mehr. Sie gab uns den Namen eines ihr gut bekannten Mannheimer Psychologen. Danach gingen wir einige Zeit 1 x wöchentlich zu ihm und er schaute sich Kim sorgfältig an, ließ sich umfassend von mir berichten. Nachdem er dann noch mit der Ergotherapeutin telefoniert hatte, um sich ihre Einschätzung schildern zu lassen, stand die Diagnose fest. ADS mit leichter bis mittlerer Hyperaktivität. Kim ist eher der impulsive Typus,  unkonzentriert und sprunghaft. Die Unruhe kommt bei ihr eher aus dem Chaos der Sinneseindrücke, die sie schlecht filtern kann. Ihre größten Probleme liegen im emotionalen, zwischenmenschlichen Bereich.

Die Beziehung zwischen Kim und mir hatte im Sommer 2002 den Höhepunkt der „Leidensphase“. Obwohl sie gut im Kindergarten zurechtkam, aber sehr eigenbrötlerisch war, klappte es zuhause gar nicht mehr mit ihr. Es war schlimm, viel Auszeiten, viel Geschrei, die Nerven lagen blank. Einmal ist sie  fast vor´s Auto gesprungen auf der Straße, mit 4 Jahren. Es waren nur knapp 15-20 cm dazwischen. Ich träumte danach oft von ihrem Tod, aus purer Angst heraus, dass ich sie irgendwann nicht mehr festhalten kann.

Daraufhin, als der Doc das sah, verschrieb er Kim testweise das Medikament Equasym. Das ist Ritalin (Methylphenidat), nur von einem anderen Hersteller und niedriger dosiert. Ich hatte gemischte Gefühle. Nun hatten wir Gewissheit, was mit Kim los ist, standen nun aber an diesem Punkt. Wir brauchten einige Zeit, um uns an den neuen „Zustand“ zu gewöhnen. Ich habe mir von jeher im Internet viele Informationen über ADS mit und ohne H und auch Facts über Ritalin geholt.

Equasym wirkte vom ersten Tag an bei Kim. Bereits nach der ersten Dosis (eine halbe Tablette, 2,5 mg) saß sie über 1 Stunde wie festgewurzelt am Esstisch und malte so konzentriert, als hätte sie 4 Jahre nachzuholen. Das habe ich bei ihr bis dato noch nie gesehen. Ich stand mit dem Doc in engem Kontakt, gab fast täglich Feedback. Schrittweise erhöhte er die Dosis. Meine Rückmeldung war dabei sehr wichtig.

Andere spürten in der darauffolgenden Zeit den Unterschied auch so dramatisch. Kim war und ist immer noch so fröhlich und lustig wie es ihrem Naturell entspricht, ihre Kreativität kam nun aber auch aus ihr heraus, ihre Fähigkeiten zeigten sich, sie begann, sich zu entwickeln. Stück für Stück lernte sie nun (und lernt immer noch), wie „richtiges“ Verhalten funktioniert. Sie kann einem nun zuhören, man hat einen Zugang zu ihr, die Ergotherapie für ihre Wahrnehmungsstörungen fruchtet mehr, auf einmal wollten im Kindergarten alle mit ihr spielen, was vorher nie der Fall war. Sie kapselt sich nicht mehr so stark ab, sie ist nicht mehr so weinerlich. Sie begann zu puzzeln, gleich die schwierigen, mehrteiligen Puzzle, die ältere Kinder machen. Bis zu 100 Teile, was manch Sechsjähriger oder älter nicht schafft.

Ihre Medikamentendosis wurde schrittweise erhöht und eingestellt, wir sind nun bei 3,5 Tabletten a 5 mg und sogar der Kindergarten unterstützt uns dabei und gibt um 11 Uhr eine Dosis. Momentan läuft es sehr gut. Kim hat einen deutlichen Reifeschub gemacht und entwickelt sich prächtig. Wenn sie mal keine Tablette bekommen hat, was auch mal ab und zu, aber selten vorkam, sah man gleich den drastischen Unterschied. Sie leidet unter ihrem Syndrom, sagt es auch selber, will "nicht zappelig sein".

Die Erziehung bleibt weiterhin konsequent-liebevoll, nun macht es aber wieder Spaß, mal mit ihr herumzualbern oder mit ihr zu spielen. Seitdem sie Equasym nimmt, sucht sie auch den Kontakt zu uns. Kuschelt, gibt von selber Küsschen, wendet sich einem zu. Das trieb mir schon manches Mal die Tränen in die Augen. Mein Kind stand sich jahrelang selber im Weg, war sozusagen verwirrt und nicht fähig, sich relativ normal zu entwickeln.

Kim hat (momentan festgestellt) einen IQ von 115. Sie hat ein sagenhaftes Gedächtnis für Musik (Pop- und Rockmusik). Sie puzzelt super, kann jetzt schon alle Buchstaben schreiben, einfache Wörter und zählt bis 28. Sie ist unheimlich wissbegierig, pfiffig und lustig. Oft superwitzig.

Dafür hat sie ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis und ist sehr, sehr vergesslich. Und ohne Equasym geht es nicht bei ihr. Das Medikament verursacht keinerlei Nebenwirkungen bei ihr, ihr Appetit ist bombig und sie schläft sehr gut.

Sie war oft krank, hat dazu noch chronische Bronchitis und ein schlechtes Immunsystem. Doch ich hoffe, das wird sich wieder geben mit der Infektanfälligkeit.

Unsere Beziehung zueinander ist wieder im Lot, vielleicht das 1.Mal in unserem gemeinsamen Leben. Ich habe trotz aller Schwierigkeiten nie aufgegeben.

Ich finde es beschämend und traurig, wie ADS teilweise in der Presse zerrissen wird. Wer wirklich weiß, wie diese Kinder leiden, kann es besser verstehen und würde sich nicht anmaßen, hochnäsig ADS als „Modekrankheit“ darzustellen. Wer ist schon freiwillig krank, dazu noch wie wahrscheinlich bei ADS, mit einem angeborenen Gen-Defekt ?

August 2004

                                                               *alle Namen sind geändert

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