Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und Hyperaktivität. Was ist das ?

Die Entwicklung des Gewissens
bei Kindern mit ADHS

Wie kann man Kindern mit ADS/H
richtig unterstützen?

Unterschiedliche Sichtweisen auf ADS/ Hyperaktivität in der Erziehungsberatung

Was denken Ärzte, Lehrer und Eltern
über ADHS ?

Leben mit hyperaktiven Kindern
aus: Zeitschrift der LAG Erziehungsberatung

AD/HD und Persönlichkeit

Warum eine Website für Aufmerksamkeits- störungen und Hyperaktivität? -Unsere Ziele-

Unterschiedliche Sichtweisen auf ADS/Hyperaktivität
in der Erziehungsberatung

Was war zuerst - Huhn oder Ei ?
von Dagmar Dietz

Kinder mit ADS/Hyperaktivität fallen auf. Je nach Art der Ausprägung ihres ADS/H können sie schon als Säuglinge die missbilligenden Blicke ihrer Mitmenschen auf sich und ihre Eltern lenken. Die ErzieherInnen im Kindergarten, aber auch Nachbarn, Verwandte und zufällige Passanten zweifeln an der Erziehungskompetenz der Eltern. Eltern verzweifeln. Ständig quält sie die bohrende Frage, was sie bei der Erziehung ihres Kindes falsch machen, dass ihr Kind so unglücklich und auffällig ist.

Die permanente Überforderung in Kombination mit der Verzweiflung über die gegebene Situation und dem Schmerz darüber ein Kind zu haben, das von den meisten Außenstehenden ständig kritisiert und offensichtlich abgelehnt wird, bringt Eltern an den Rand ihrer Kraft.

Völlig erschöpft und mit dem Gefühl in einer ausweglosen Situation zu sein, wenden sie sich an eine Erziehungsberatungsstelle, manchmal auch an den Kinderarzt oder einen Psychologen.

Eltern von Kindern mit ADS/H in der Erziehungsberatungsstelle
Hier berichten die Eltern von ihren Sorgen mit dem Kind.
Sie erzählen von
- Konflikten, die sich im Kindergarten oder der Schule ergeben,
- der Aggressivität gegenüber anderen Kindern, davon,
- dass ihr Kind ständig negativ auffällt
- ihrem sozialen Rückzug
- Geschwisterkonflikten,
- dem Lügen, evtl. dem Stehlen, davon
- dass ihr Kind nur wenige oder keine Freunde hat und von
- all den Strafen und Konsequenzen, die eingesetzt wurden,
   damit das Kind sich an die erforderlichen Regeln hält, die aber
   wirkungslos verpufften.

Die Eltern erzählen von ihrer eigenen Erschöpfung,
- dass sie das Kind in den Ferien in eine Freizeit schicken,
   da sie es sonst nicht aushalten,
- dass sie als Eltern zunehmend in Streitereien
   über die richtige Erziehung  geraten und
- die Ehe zu scheitern droht und sie berichten,
- dass sie vollkommen ratlos dem Verhalten ihres Kindes
   gegenüberstehen.

Die Eltern berichten über viele alltägliche Situationen, in denen es zum Konflikt kommt. Nach positiven Momenten mit ihren Kindern gefragt, fällt ihnen oft wenig ein, denn Situationen, auf die sich die ganze Familie gefreut hatte, enden häufig unerfreulich.
- Der geplante Besuch bei Freunden musste früher abgebrochen 
   werden, weil mit dem Kind dort ein Streit ausbrach,
- die Oma verliert bald die Nerven, weil sie um ihr gutes Geschirr 
   bangt, das immer wieder runterfällt,
- in der Gaststätte fühlen sich die anderen Gäste von dem lauten 
   und ständig herumlaufenden Kind genervt.

Auch Spiele zu Hause enden häufig im Chaos. Malen und basteln mag das ADS-Kind häufig nicht, bei Gesellschaftsspielen versucht es ständig die Regeln nach seinem Gusto zu verändern und droht es zu verlieren kommt es zum Verhaltensexzess. So wurde vieles Schöne aufgegeben.
Es werden hauptsächlich viele kleine Alltagsituationen geschildert, die jede für sich betrachtet gar nicht so schlimm erscheinen. Die Eltern erscheinen als sehr anspruchsvoll ihrem Kind gegenüber, denn wenn sie nach ihrem Hauptproblem gefragt werden, können sie meistens keines angeben. Es sei die Gesamtsituation, die so schwierig sei.

Nun kommt es sehr auf die Kenntnis der BeraterIn über ADS/H an, wie die Beratung verläuft und ob sie eine wirkliche Hilfe für die Eltern und das Kind darstellen wird.

Wichtig ist zu prüfen, wie die BeraterIn die Frage nach Huhn oder Ei beantwortet, das heißt welche Sichtweise sie auf Ursache und Wirkung von Verhaltensweisen von Eltern und Kindern wie in der beispielhaft dargestellten Familienkonstellation hat.

Hier können grob zwei unterschiedliche Sichtweisen unterschieden werden:

- Der familiensystemische Ansatz geht davon aus, dass das
   Verhalten eines Kindes ausschließlich erlernt wurde. Das  
   bedeutet: Das Kind hat seine ADS- typischen Verhaltensweisen
   als Reaktion auf Erziehungs- der Bindungsdefizite seitens der
   Eltern erlernt.
- Der neurobiologische Ansatz geht bei Kindern mit ADS von einer
   Stoffwechselstörung aus, die bestimmte Verhaltensweisen des
   Kindes hervorruft. Die beschriebene Familiensituation wird als
   Folge der bis dahin unerkannten ADS des Kindes gesehen.

Die Entstehung der ADS-typischen Verhaltensweisen wird - wie oben dargestellt - sehr unterschiedlich gesehen. Genauso unterschiedlich erfolgt die Beratung der Eltern.

Damit Eltern die richtige Beratung auswählen können, werden nachfolgend beide Ansätze dargestellt. Wichtig ist die jeweilige Sichtweise der TherapeutIn in einem Gespräch kennenzulernen. Denn im Zuge der Aufklärung über ADS/H gibt es immer mehr TherapeutInnen, die eine familiensystemische Ausbildung haben, dennoch für ADS-Kinder den neurobiologischen Ansatz vertreten. Andererseits findet man Angebote spezieller ‘Therapiegruppen für den Zappelphilipp’, die auf den ersten Blick zwar einen hilfeversprechenden Titel führen, sich beim genauen Hinschauen aber als nondirektive Spieltherapien entpuppen.

Gegenüberstellung beider Sichtweisen

Systemische Sichtweise

Die meisten Eltern von Kindern und Jugendlichen mit ADS/H sehen sich immer wieder mit dieser Frage nach Ursache und Wirkung in Bezug auf die Entstehung der Verhaltensschwierigkeiten ihres Kindes konfrontiert. Wenden sie sich wegen Verhaltensauffällig- keiten ihres Kindes an Erziehungsberatungsstellen oder Psychologen so kann es passieren, dass Eltern zu verstehen gegeben wird, allgemeine Schwierigkeiten in der Familie seien Ursache für das Verhalten des Kindes. Hier wird das Verhalten des ADS-Kindes als Symptom eines Familienkonflikts gedeutet, das ‘Kind als Symptomträger’ ist die zugrundeliegende Ansicht.

Häufig wird auf eine frühe Bindungsstörung, meist zwischen Mutter und Kind geschlossen. Dies geschieht insbesondere dann, wenn das ADS schon in den ersten Lebenstagen des Babys zu erkennen war. Hier fallen dann Schlagworte wie:
- Das Kind wurde pränatal abgelehnt,
- die Mutter hat zu wenig Blickkontakt zu ihrem
Säugling
 
aufgenommen oder
- die Mutter hat die Wünsche ihres Kindes in den ersten
   Lebensstunden und -tagen nicht verstanden oder fehlinterpretiert.

Diese Aussagen zielen alle darauf, dass die Mutter (die Eltern) ihr Verhalten ändern. Dann würde sich das Verhalten des Kindes in der Folge von alleine zum Positiven ändern, da das Kind dann nicht mehr gezwungen sei, durch sein Verhalten auf emotionale Schwierigkeiten in der Familie hinzuweisen.

Manchmal hören Eltern auch, dass das Verhalten des Kindes einen Zweck erfülle. Es diene z.B. dazu, von einem verborgenen Ehekonflikt abzulenken, der ohne die Auffälligkeiten des Kindes offensichtlich würde und diskutiert werden müsste, was die Eheleute aber scheuen. Oder: Die Schwierigkeiten dienen als Bindeglied zwischen den Ehepartnern, da ihnen anderer Gesprächsstoff ausgegangen sei. Oder umgekehrt: Die Konflikte mit dem Kind ermögliche den Ehepartnern eine gewisse Distanz in ihrer Beziehung einzuhalten, da sie zu große Intimität nicht ertragen könnten.

Vom Gedankengut in die gleiche Richtung, nämlich, dass ein anderer Umgang der Eltern mit dem Kind die Probleme von alleine beheben würde,  gehen Erziehungstipps von LehrerInnen, ErzieherInnen, Nachbarn und anderen Leuten. Von ihnen hören Eltern meistens, dass sich die Verhal- tensauffälligkeiten schon legen würden, wenn sie das Kind nur mit der nötigen Konsequenz erziehen und genug Grenzen setzten.

Beiden Ansinnen liegt die Einstellung zugrunde, dass das Verhalten der Eltern ursächlich für das Verhalten des Kindes verantwortlich ist. In der praktischen Umsetzung widersprechen sich beide Ansichten sehr.

BeraterInnen, die vom ‘Kind als Symptomträger’ sprechen, verlangen meistens von Eltern:
- Regeln zu lockern,
- weniger Grenzen zu setzen,
- das Kind so zu akzeptieren wie es ist, ja sogar
- das Kind zu ermutigen und zu stärken gegen geltende Regeln zu
   rebellieren.
Hier liegt der Widerspruch zu den Aussagen der LehrerInnen und ErzieherInnen. Sie verlangen von den gleichen Eltern im Umgang mit dem gleichen Kind das genaue Gegenteil, nämlich mehr Grenzen zu setzen und konsequenter zu sein.

Folge für die Eltern
Eltern sind nun zwischen beiden Situationen hin- und hergerissen, erleben sie doch häufig beide Situationen zeitgleich. Die normale Situation für Eltern ist, dass ihr Kind den Kindergarten oder die Schule besucht und sie wegen der dort auftretenden Verhaltensauffälligkeiten eine Erziehungsberatungsstelle aufsuchen. Werden Eltern nun von der LehrerIn oder der ErzieherIn wegen des Verhaltens ihres Kindes zur Rede gestellt und berichten sie hierüber mittags in der Erziehungsberatung, so erhalten sie an einem Tag zur gleichen Begebenheit, sich vollkommen widersprechende Ratschläge.

Vollkommen verwirrt gehen die Eltern nach Hause. Sie sind ohnehin ratlos und erschöpft von der alltäglichen Anstrengung der Erziehungsarbeit, die ihr ADS-Kind von ihnen verlangt. Was sollen sie mit diesen sich widersprechenden Ratschlägen machen?
Die logische Folge einer derartigen Beratung ist, dass Eltern zwischen beiden Positionen (Regeln wegnehmen <-> mehr Grenzen setzen) ständig hin- und herpendeln. Das Kind erhält eine Erziehung wie auf einer Achterbahn, die die ohnehin durch das ADS vorhandene Problematik verstärkt. Die für ADS-Kinder so wichtige konsistente und strukturgebende Erziehung geht nun vollends verloren.  Die Entwicklung von Sekundärstörungen beim Kind wird deshalb durch diese Sichtweise auf ADS und die daraufaufbauende Beratung beschleunigt und verstärkt.

Auch für das Familienklima bleibt dies nicht ohne Folgen. Dadurch dass die Eltern zwischen den verschiedenen Ansichten der ‘Fachleute’ zerrieben werden, steigt die Erschöpfung. Sowohl für das Kind als auch für die Paar- beziehung bleibt immer weniger Raum für schöne Stunden, die Anzahl der Konflikte steigt ständig. Auf Vorträgen hört man immer wieder, dass die Zahl der Ehescheidungen bei Familien mit ADS-Kindern deutlich erhöht ist.

Folgen für das Kind
Es gibt eine weitere, für das Kind, fatale Folge:
Wird mit dem Kind therapeutisch gearbeitet, dann wird das Ziel verfolgt,  das Kind gegenüber seiner “krankmachenden” Umgebung zu stärken. Das Kind, insbesondere der Jugendliche, wird ermutigt diese Umgebung kritisch zu betrachten und er wird bestärkt gegen dort geltende Regelungen zu re- bellieren, mit dem Ziel sich emotional zu lösen. Die TherapeutIn geht davon aus, dass das Kind eine andere emotionale Heimat findet, die für seine Entwicklung positiver ist.

Eltern von einem Kind mit ADS wissen allerdings, dass dies nicht der Fall sein wird. Denn trotz aller Schwierigkeiten, die Eltern mit ihrem Kind haben und trotz aller Belastungen stehen sie hinter ihrem Kind. In der Umwelt des Kindes wird man - falls das Kind sehr auffällig betroffen ist oder erst spät diagnostiziert wird - vergeblich eine Person suchen, die das Kind emotional stützt. Denn es gehört zu den schlimmen Erfahrungen der Eltern zu sehen, dass ihr Kind offensichtlich überall abgelehnt wird.

Für das Kind führt diese Vorgehensweise in die Katastrophe.
Die Bindungen zu den Eltern werden gelockert, andere Bindungen kann das Kind aus Mangel an Personen, die bereit sind seine Verhaltensweisen zu ertragen, nicht aufbauen. Bezieht man noch das ohnehin schlechte Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen mit ADS ein, so ist ein sichtig, dass diese Form der Therapie zu einer vollkommenen Entwurzelung des Kindes führt.


Die systemische Familientherapie, die das Verhalten des ADS-Kindes als Folge einer Störung im Familiensystem ansieht, ist in Deutschland in Erziehungsberatungsstellen, Jugendämtern, in der LehrerInnen- und ErzieherInnenausbildung aber auch bei Kinder- und Jugendpsychiatern weit verbreitet.
Es gibt keine der Autorin bekannten Untersuchungen, die belegen, dass eine systemische Familienberatung die ADS bedingten Schwierigkeiten des Kindes gebessert haben.
 

Neurobiologische Sichtweise

Die neurobiologische Sichtweise beantwortet die Frage nach Huhn oder Ei genau umgekehrt.
Bei dieser Sichtweise stützt man sich auf langjährige Forschungsergebnisse, die belegen, dass bei Menschen mit ADS eine Störung des Gleichgewichts im Neurotransmitterhaushalt vorliegt. Dies kann durch bildgebende Verfahren wie z.B. PET aufgezeigt werden. Durch einen Mangel des Neurotransmitters Dopamin werden die typischen Schwierigkeiten eines Menschen mit ADS, wie
- zu geringe Aufmerksamkeitsspanne,
- Reizfilterschwäche,
- Ablenkbarkeit,
- Impulsivität,
- Stimmungsschwankungen,
- unvermittelte Wutausbrüche und
- motorische Unruhe
verursacht.

Diese Verhaltensweisen eines ADS-Kindes beeinflussen natürlich auch seine Umgebung.

Eine Mutter reagiert vollkommen unterschiedlich
- auf einen Säugling, der auch Vergnügen zeigen kann,
- der  mal mit einer Rassel spielen kann,
- der mal  Luftballons hinterherschaut und
- der nach einiger Zeit einen relativ stabilen Wach-Schlaf-Rhythmus
   hat
 oder
- auf einen Säugling, der permanent schreit,
- der nur dann aufhört zu schreien, wenn er getragen oder 
   geschaukelt wird,
- der tagsüber nur sehr wenig schläft und auch nachts nur in
   kurzen Intervallen,
- der so laut und unvermittelt anfängt zu schreien, dass sie alles 
   stehen und liegen lässt, weil sie befürchtet, er sei aus dem Bett
   gefallen
- der beim Trinken ständig abgelenkt ist und  sich deswegen 
   dauernd verschluckt und
- der immer beschäftigt werden will und keine Minute alleine sein
   kann.

Ein Aspekt, der in der systemischen Sichtweise keine Berücksichtigung findet, ist die Reaktion der Umgebung auf das Verhalten des Kindes und die Eltern, da nur der Mikrokosmos Familie betrachtet wird. Alle Eltern wissen jedoch, dass ihre Familie nicht in einem ‘luftleeren Raum’ lebt. Schon vor und mit der Geburt des Kindes werden von Freunden und Verwandten  Ratschläge gegeben, über Geschlecht und Ähnlichkeiten spekuliert und Erwartungen an die Eltern formuliert.
Auch ist das Kind schon unmittelbar nach der Geburt Einflüssen von Menschen ausgesetzt, die nicht unmittelbar zu Familie gehören. Dies sind die Hebamme, Ärzte und Kinderkrankenschwestern in der Entbindungsstation.

Und auch diese Personen reagieren unterschiedlich:
auf ein ruhiges, lächelndes Kind oder auf ein Schreibaby.
- Bei einem ruhigem, vergnügtem Kind schauen die Leute in den
   Wagen, lachen und scherzen mit dem Kind und machen sowohl
   dem Säugling als auch der Mutter Komplimente.
 
Oder:
- Eine Mutter mit einem Schreibaby bekommt missbilligende Blicke
   zugeworfen, man gibt ihr mimisch und verbal zu verstehen, das 
   das Kind störe,
   sie wird aufgefordert ihr Kind zu beruhigen. Wenn sie es nicht
   schafft, wird sie als herzlose Mutter angesehen.
   Die umstehenden Leute versuchen manchmal das Kind zu
   beruhigen, gelingt es ihnen nicht, so wenden sie mit einem
   mitleidigen Gesicht ab.
   Niemand scherzt mit dem Kind.
   Niemand schenkt Mutter und Kind Komplimente, im günstigen 
   Fall ein mitleidiges Lächeln.

Es ist sicher klar, dass die Reaktion der Mutter auf ihr Kind nicht nur von dem Verhalten des Kindes selbst beeinflusst wird, sondern vor allem auch von den Reaktionen der Umwelt.
Denn diese Mutter wünscht sich selbst auch ein solch fröhliches Baby, das von anderen gemocht wird und nicht eines das offensichtlich schon im frühen Babyalter so stark von anderen abgelehnt wird, als hätte es Aussatz. Es ist für eine Mutter sehr niederschmetternd und verletzend zu sehen, dass ihr Kind, das sie selbst sehr liebt, offensichtlich überall abgelehnt wird.

Dieser Aspekt wird in der systemischen Sichtweise nicht gesehen. Hier werden nur die familieninternen Aktions- und Reaktionsmuster betrachtet. Das Verhalten des Kindes wird ausschließlich als Reaktion auf elterliches Verhalten angesehen. Doch dies greift, wie oben geschildertes Beispiel zeigt, zu kurz.
Denn auch die Umwelt, die keine emotionale Bindung zu dem Säugling hat,
reagiert auf beide Kinder höchst unterschiedlich. Die systemische Familientherapie betrachtet die Einflüsse der Umwelt auf die Eltern-Kind-Beziehung nicht.

Und wie mögen sich die beiden Kinder fühlen?
Ist es nicht ein Unterschied für die emotionalen Entwicklungschancen der Kinder, ob ihr Umfeld außerhalb des Elternhauses auf sie mit einem warmen Lächeln oder mit einem abwehrenden Blick reagiert ?
Wie fühlt sich ein Kind, das aus seinem Kinderwagen heraus immer nur in besorgte oder ablehnende Gesichter schaut?
Wie fühlt sich ein Kind, wenn es schon in der Minniclubzeit von Eltern anderer Kinder ständig zurechtgewiesen wird, da es zu wild und laut erscheint und andere Kinder durch seine Tapsigkeit erschrickt?
Wie fühlt sich ein Kind, das im Kindergarten von den Erzieherinnen ständig zurechtgewiesen und ausgeschlossen wird, da es basteln, stillsitzen, leise sein und aufräumen kann?
Wie fühlt sich ein Kind, wenn es bewusst oder unterbewusst registriert, dass offensichtlich immer es geschimpft bekommt, während die anderen Kinder gelobt werden?

Zwei wesentliche Aspekte werden - wie gesehen - bei der systemischen Sichtweise aus der Betrachtung ausgeklammert, nämlich
- Einflüsse der Umwelt auf die Entwicklung eines Kindes von den
   ersten Babytagen an und
- Einflüsse der Umwelt auf die Verhaltensweisen der Eltern
   gegenüber ihrem Kind.

In der systemischen Therapie wird davon ausgegangen, dass die Familie ein in sich geschlossenes System bildet, das frei von äußeren Einflüssen ist. Deshalb genüge eine Beeinflussung der Komponenten innerhalb dieses Systems um die Situation für das Kind zu verändern.
Zeigt ein Kind schon in den ersten Lebenstagen diese Verhaltensauffälligkeiten, die dann offensichtlich noch nicht erworben sein können, wird in der systemischen Sichtweise mit dem Konstrukt der pränatalen, d.h. vorgeburtlichen Ablehnung des Kindes seitens der Mutter gearbeitet. Durch ihren ‘fachlichen Vorsprung’ gegenüber den Eltern als ‘Laien’, sehen sich so arbeitende Therapeuten nicht in der Pflicht, Gründe für ihre Sichtweise anzuführen. Versuchen Eltern diese Begründung  zu widerlegen, wird das als “Verdrängung des Konflikts” bewertet, ohne dessen Aufarbeitung kein Fortschritt erreicht werden kann.

Die neurobiologische Sichtweise geht davon aus, dass das Kind eine angeborene Stoffwechselstörung hat, die zu dem gezeigten Verhalten führt. Durch dieses auffällige Verhalten konstituiert sich ein Kind mit ADS seine Umwelt selbst.
Die Richtigkeit dieser Sichtweise ist durch zahlreiche Doppelblindstudien belegt.

Der Reaktion der Umwelt kommt bei dieser Sichtweise eine hohe Verantwortung für die emotionalen Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes mit ADS zu.
Kann sich ein Kind mit ADS in einer Umwelt bewegen, die seine Schwierigkeiten, aber auch seine Fähigkeiten kennt, die weiß, dass es viele Dinge, die es anstellt nicht extra macht, sondern dass sie ihm einfach so passieren und bekommt das Kind eine hinreichende Unterstützung dann kann es sich sehr positiv entwickeln.

Diese Unterstützung braucht das Kind in mehrfacher Hinsicht:
- Diagnose und soweit notwendig medizinische Versorgung
- Therapeutische Anleitungen oder Selbstinstruktionstraining
- Altersgemäße Aufklärung über ADS
- Aufklärung seiner Umgebung
- Emotionale Bindungen an seine Eltern und nach Möglichkeit
   weitere Bezugspersonen 
- Eltern und andere Bezugspersonen, die in ihrem Erziehungs-
   verhalten konsistent und nicht verunsichert sind
- Coaching, coaching, coaching!!!

Das heißt: Das Kind und der Jugendliche brauchen eine tägliche Unterstützung bei der Erledigung der wichtigen Dinge.
Sie brauchen Strukturierungshilfen für den Tag, für die Woche und für besondere Anlässe.
Sie brauchen Unterstützung, damit sie lernen können sich an die üblichen gesellschaftlichen Reglements zu halten, damit sie nicht ausgegrenzt werden.

Sie brauchen auf keinen Fall Therapeuten, die
- die Eltern ständig verunsichern, indem sie sie auffordern 
   nach Erziehungs- und Bindungsdefiziten zu suchen,
- die Eltern empfehlen, Regeln wegzunehmen und das Kind
   entscheiden zu lassen, an welche Regeln es sich halten will,
- die das Kind ermutigen, gegen Regeln zu rebellieren,
- die Eltern auffordern ihr Kind mehr selbstständig entscheiden 
   zu lassen, da hierdurch Konflikte vermieden werden können,  
   dabei aber nicht berücksichtigen, dass das Kind eine psychische 
   Reifeverzögerung von ca. 30% hat.
All diese Vorschläge sind für Kinder mit ADS kontraproduktiv und führen zu einer Verschlechterung des Symptombildes.

A T T E N T I O N !

Es folgt nun ein Artikel aus der amerikanischen Zeitung ATTENTION, die von C.H.A.D.D. herausgegeben wird.

Dieser Artikel ist in drei Teile gegliedert.
Hier eine kurze  Inhaltsangabe. ->   
englischen Originaltext lesen

Im ersten Abschnitt wird der 3-jährige Christopher beschrieben. Es wurden während der Untersuchungen Videoaufnahmen gemacht, die das Spielen mit seiner Mutter zeigen und das  Aufräumen. Christopher ist sehr unruhig, kann kaum spielen. Die Mutter ist hektisch und nervös.
Einige Wochen später wurden die gleichen Situationen erneut gefilmt. Christopher sowie seine Mutter zeigen ein völliges anderes Bild. Beide spielen ruhig miteinander, das Aufräumen klappt vorzüglich.
Studenten eines anderen Kurses, wurden diese Aufnahmen gezeigt mit der Aufforderung einer Auswertung. Die Studenten waren der Überzeugung, dass die Mutter beim zweiten Film Beruhigungsmittel genommen hat und ihr ruhiges Umgehen mit dem Kind nun auch ein ruhig und friedlich spielendes Kind zur Folge hat (systemische Sichtweise).

Die Studenten wurden dann über die in Wirklichkeit erfolgte Behandlung informiert. Nicht die Mutter hatte ein Medikament bekommen, sondern das Kind wurde mit Psychostimulantien behandelt. Das Verhalten des Kindes konstituierte beide Spielsituationen und das Verhalten der Mutter (neurobiologische Sichtweise).

Im zweiten Abschnitt wird von einem 8-jährigen Jungen berichtet, dessen Selbstkonzept durch seine ADS-typischen Schwierigkeiten und der Umweltreaktionen schon so weit beschädigt ist, dass er von sich selbst als einem  Verlierer spricht.

Im dritten Abschnitt wird von einer Doppelblindstudie in einer Schulklasse berichtet. Eine Lehrerin soll für einen Schultag eine ihr völlig unbekannte Schulklasse unterrichten. Es wurde bewusst eine Lehrerin gesucht, die durch ihr geduldiges und besonnenes Verhalten bekannt war. Ihr Auftrag ist unerwünschtes Verhalten zu ignorieren und erwünschtes Verhalten zu verstärken. Ein Protokollant, der auch nur diese Versuchsanweisung kennt, hat den Auftrag das Verhalten der Lehrerin in Bezug auf vier Kinder zu erfassen.
In der Klasse sitzt ein unbehandeltes Kind mit ADS, Vincent, was aber weder die Lehrerin noch der Protokollant wissen. Der Lehrerin gelingt es gut ihren  Auftrag einzuhalten, obwohl sich Vincent permanent nicht an die erteilten Arbeitsanweisungen hält. Sie lobt das Verhalten der übrigen Kinder und ignoriert das Verhalten von Vincent.
In den letzten Unterrichtsminuten teilt sie ein Arbeitsblatt aus, das die Kinder untereinander weitergeben sollen. In dieser einen Situation hält sich Vincent zum ersten Mal an diesem Unterrichtsstag an den Arbeitsauftrag.

Doch die Lehrerin, die dies sehr wohl bemerkt,  lobt ihn hierfür nicht!  Ihre Begründung: “Nachdem sich das Kind den ganzen Tag so schrecklich verhalten hatte, konnte ich ihm einfach nichts freundliches sagen.”

Die Wissenschaftler stellten fest: 
Wenn schon diese ausgezeichnete Lehrerin Vincent nichts freundliches sagen kann, dann kann es niemand.

Der Verfasser des Artikels über diese Untersuchungen resümiert abschließend:
Man könnte noch hundert weitere Studien dieser Art durchführen, sie kämen alle zum gleichen Ergebnis !

AD/HD and Personality
by Harold S. Koplewicz, M.D.
Originalartikel jetzt lesen: hier
Deutsche Übersetzung jetzt lesen: hier

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